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Nostalgie und Popcorn:
Ein Besuch im Autokino

„Wir können doch auch mal ins Autokino gehen!“ – Noch vor ein paar Monaten hätte ich niemals gedacht, dass ich diesen Satz einmal sagen werde. Beim Gedanken an Autokinos kamen mir amerikanisches 60er-Jahre-Feeling, riesige verlassene Parkflächen und kultige Horror- oder Erotikstreifen in den Sinn. Wobei, eigentlich habe ich, wie so viele andere auch, bisher kaum einen Gedanken an Autokinos verschwendet. Aber als im März die Maßnahmen zur Beschränkung von sozialen Kontakten eintraten, Restaurants, Kinos sowie Theater schließen mussten und das Freizeitangebot sich drastisch einschränkte, war es plötzlich da: Das Autokino, der schon während der Achtziger aus der Mode gekommene, totgesagte kleine Bruder vom „richtigen“ Kino, erlebt ein Revival!

Das älteste Autokino in Deutschland

Ein wenig googlen verrät uns, dass wir mit unserem nächstgelegenen Autokino im Neu-Isenburger Stadtteil Gravenbruch sogar das älteste Exemplar in Deutschland und in Europa nördlich der Alpen quasi direkt vor der Haustür haben. Bereits am 31. März 1960 zeigte das Drive-In-Kino den oscarprämierten Klassiker „Der König und ich“ mit Yul Brynner und Deborah Kerr – für ganze 2,75 Mark. Wer mitgerechnet hat: Richtig. Es feierte also erst vor Kurzem seinen 60. Geburtstag! Lagerkoller, Jubiläum und Neugier: Genug Gründe also, der nostalgischen Kultattraktion in unserer Region eine Chance zu geben.

Wir sind wohl nicht die Einzigen. Der regelrechte Boom der Autokinos macht sich mit einem Blick auf das Programm der Webseite bemerkbar. Seit dem 20. April dürfen sie in Hessen wieder öffnen. Drei Wochen später sind wir alles andere als „late to the party“: Ausverkauftes Haus für so gut wie alle kommenden Vorstellungen – wenn man nicht gerade auf Gruselstreifen nach Mitternacht steht. Der Angsthase muss sich also etwas gedulden. Dann kommt die Chance. Für eine 21.30 Uhr-Vorstellung des Krimis „Knives Out“, den ich Anfang des Jahres im Kino leider verpasst habe und der definitiv empfehlenswert ist, sind noch Tickets verfügbar. Für den Abend ist Gewitter angesagt – aber no risk no fun. Die Tickets sind ein wenig teurer als 1960, aber mit acht Euro pro Person sind wir dabei.

Kinosound über das Autoradio

Auf dem Weg durch den Neu-Isenburger Wald in der kleinen Abzweigung zum Autokino macht sich Stadion-Flair breit. Wir reihen uns ein in die Schlange an Autos, deren Nummernschilder teilweise von einer beeindruckend langen Anreise zeugen – „Die kommen doch nicht ernsthaft aus Karlsruhe?“. Ich habe mich, so absurd es für einen Autoausflug im Dunkeln auch sein mag, schick gemacht – sprich ich habe seit Wochen mal wieder eine Jeans an – und bin etwas aufgeregt. Vielleicht, weil es das erste auswärtige Abend-Event für uns seit einer gefühlten Ewigkeit ist. Vielleicht, weil wir aber auch gar nicht so genau wissen, was uns erwartet. Es ist noch eine Dreiviertelstunde Zeit, doch ich bestehe darauf, schon jetzt die Radiofrequenz für den Ton unseres Films einzustellen: 91,5 MHz für Kino 1. Uns schwallt Gute-Laune-Popmusik entgegen. Wir passieren die leeren Kassenhäuschen und halten einer Einweiserin mit gelber Warnweste und Scanner unsere Tickets von innen an die Scheibe. Ein großer, schwarzer Hund mit weißer Stirn schlendert lässig mit geschultem Türsteherblick zwischen den Autos
hindurch, als trage er hier die Verantwortung – es ist Kinohund Balu, wie meine Recherchen später zeigen.

In der letzten Reihe

Eine Handvoll weiterer Einweiser lotst uns gestenreich und mit Lichtsignalen auf unseren Parkplatz in der letzten Reihe. Hier, wie im herkömmlichen Kino, definitiv auch einer der Top-Plätze. Aus dem Augenwinkel kann ich schräg hinter uns die zweite Leinwand erkennen, auf der gleichzeitig ein anderer Film laufen wird. „Wenn uns der hier nicht gefällt, drehen wir uns einfach um und ändern die Frequenz“ – mein scherzhafter Vorschlag wird wegen befürchteter Verrenkungen und eines steifen Nackens abgeschmettert. Ich beobachte die Nachbarautos, die sich mit dem vorgeschriebenen Mindestabstand neben uns einreihen. Links von uns wird ein regelrechtes Antipasti-Buffet auf dem Armaturenbrett aufgebaut. Ein Gast vor uns scheint ebenfalls etwas aufgeregt zu sein und geht – verbotenerweise, denn eigentlich soll man den Wagen nicht verlassen – mehrfach zum Kofferraum. Kofferraum auf, Chipstüte raus, Kofferraum zu. Ach Mist – Kofferraum wieder auf. Bierflasche raus. Kofferraum zu. Zurück nach vorne. Ach Nein. Decke vergessen. Wir beobachten das Schauspiel und freuen uns, dass nicht jedes Mal die ganze Reihe aufstehen muss.

Ich fühle mich wie in einen amerikanischen Retro-Film gebeamt und finde die Situation schön und seltsam zugleich.

Neugierig tausche ich einen Blick mit unseren „Parknachbarn“ zur Rechten, denen es genauso zu gehen scheint. So langsam wird es dunkler, die ersten Sterne tauchen über den Kiefern auf – das Wetter hält – und ein einsames Flugzeug zieht über uns hinweg. Das Bild auf der Leinwand wird immer deutlicher erkennbar, heißt uns im Drive-In-Kino Gravenbruch willkommen und weist uns noch einmal auf die Corona-Regeln und Informationen zur Übertragung hin.

Wir sprühen noch einmal einen Schwall Reinigungsmittel über unsere Windschutzscheibe. Die letzten Toilettengänger hechten über den Parkplatz zurück zu ihren Autos, als die Popmusik aus dem Radio langsam leiser wird und die ersten Filmtrailer auf der Leinwand erscheinen. Wir haben uns gemütlich eingerichtet. Allerdings beschleicht mich die altbekannte Kino-Angst, dass unsere mitgebrachten Snacks nicht einmal die Werbung überleben werden. Die Snackbar ist aus Sicherheitsgründen geschlossen. Hinter uns rennt bereits lautlos eine Gazellenherde über die Leinwand – es läuft die neue, animierte Version von „König der Löwen“. Mein lautes „Naaaaants ingonyama…“ (laut „König der Löwen“-Wiki) hören unsere Nachbarn Gott sei Dank nicht – so ein abgeschlossener Raum hat so viele Vorteile.

Zwischenfragen und das Handyklingeln der Autos

Das Flutlicht geht nun auch vor unserer Leinwand aus und kündigt den Beginn des Films an. Gerade so kann ich den unmittelbaren Reflex unterdrücken, mich anzuschnallen. Ich bin noch in meiner 60er-„Once Upon A Time in Hollywood“-Stimmung und erwarte eigentlich, dass jeden Moment Clint Eastwood auf dem Screen erscheint. Stattdessen zieht Daniel Craig als Privatdetektiv Benoit Blanc im Halbdunkeln mysteriös an seiner Zigarre – definitiv auch nicht schlecht! Wir begleiten ihn bei der Lösung eines Mordes, der viele mögliche Täter und einen genial verworrenen Hergang hat. Ich bin froh, Zwischenfragen stellen zu können, ohne mir den Zorn unserer Sitznachbarn einzuhandeln.

Unser Radio verabschiedet sich von Zeit zu Zeit in den Stand By-Modus und verschlägt Daniel Craig die Sprache. Das ist allerdings ein Problem, das sich leicht lösen lässt. Schnell wird auch klar, was das Handyklingeln des Autokinos ist: Ab und an leuchten die roten Rücklichter der Gäste in den Reihen vor uns auf, bei manchen lassen sie sich gar nicht abschalten. Unmut kommt auf. Doch auch hier sind unsere Einweiser gut vorbereitet und helfen mit schwarzen Scheinwerfer-Abdeckungen den Fahrern aus der peinlichen Situation. Auch dass unsere Scheibe nach einiger Zeit beschlägt, tut dem Filmgenuss dank Lüftung keinen Abbruch. Ich öffne kurz die Scheibe einen spaltbreit und werde mir der seltsamen Stille außerhalb der Autos bewusst.

Kino ganz anders

Nach etwas über zwei Stunden hat Craig den Fall in einem beeindruckenden Schlussmonolog aufgeklärt. Völlig geflasht von unserem Kinoerlebnis, das doch so ganz anders ist als das „normale“ Kino, reihen wir uns begleitet von der Musik des Abspanns wieder in die Reihe Richtung Ausfahrt. Währendessen warten die nächsten Fahrzeuge bereits auf den Einlass zur Spätvorstellung. Für uns wird das Kulterlebnis sicher nicht mehr, wie zuvor, in der Versenkung verschwinden. Wir sind uns einig: Ein Ersatz für den herkömmlichen Kinobesuch ist das Drive-In-Kino nicht, eher ist es eine großartige Entdeckung für eine zusätzliche Freizeitaktivität. Ein Mix aus Highway-Romantik, 60ties-Feeling und Familienspaß.

Info: Das Drive-In-Kino Gravenbruch zeigt einen Mix aus neuen Filmen und Oldies, zum Programm geht es hier. Beachtet hier die besonderen Auflagen. Auch öffnen immer neue (Pop-Up-) Autokinos in der Region, wie beispielsweise in Taunusstein. Seit dem 9. Mai dürfen auch traditionelle Kinos wieder öffnen und eine langsame Wiederaufnahme des Betriebs ist in den Frankfurter Kinos geplant. Eingefleischte Cineasten haben also bald wieder die komplette Auswahl!

Mehr zu erleben gibt es hier.

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Nathalie

Gebürtig aus Darmstadt, seit mehreren Jahren Wahlfrankfurterin - und immer noch frisch verliebt in die Stadt. Leidenschaftliche Spaziergängerin, Kaffee-Trinkerin, Yogi, Tänzerin, Medienkulturwissenschaftlerin und PR-Trainee. Kochmuffel und daher Restaurantfan. Theater- und Kunstliebhaberin. Früher Vogel oder Nachteule je nach Tagesform. Reich an Sommersprossen.