talking hands Gründerinnen
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Im Gespräch mit: Laura und Maria von talking hands

Mit Daumenkinos Kindern Gebärden beibringen. Genau das wollten und schaffen die jungen Gründerinnen von talking hands Maria Möller und Laura Mohn aus Frankfurt. Die beiden haben sich in ihrem Studium für visuelle Kommunikation kennengelernt. Mit Lauras Abschlussarbeit ist talking hands erstmals entstanden und selbst eine Sehnenscheiden-entzündung durch das Zeichnen von über 2.000 Illustrationen konnte sie nicht davon abhalten weiter zu machen. Lauras Schwester Jami ist selber mit dem Down-Syndrom aufgewachsen, daher weiß sie ganz genau, wie schwer die Inklusion im Alltag sein kann.

Hallo ihr beiden! Talking Hands, was steckt dahinter?

“Talking hands sind Daumenkinos für Gebärden. Wir haben also das gute alte Daumenkino in ein Lehrmedium umgewandelt. Gerade für Gebärden eignet es sich perfekt, da Bewegungen auf nicht-digitale Weise immer wieder abgespielt werden können, und das sogar mit dem eigenen Daumen. Es löst eine gewisse Faszination bei Kindern aus und wandelt das Erlernen in ein spaßiges und interaktives Erlebnis. Damit spricht es Kinder mit und ohne Behinderung an, denn nur so kann Inklusion erfolgreich werden.

Damit alle Kinder sich mit talking hands identifizieren können, hat jede Gebärde einen eigenen Charakter. Bei talking hands sind alle Haut-und Haarfarben vertreten, denn Inklusion und Diversity fangen bei uns schon mit dem Design an.

Momentan haben wir 100 verschiedene Gebärden-Daumenkinos für den Grundwortschatz von Kleinkindern zur Auswahl. Das sind Worte wie “trinken”, “essen”, “Bauchweh”, “danke” und “Entschuldigung”.”

Die Idee

Wie ist es zu dieser tollen Idee gekommen?

“Talking hands war ursprünglich meine Abschlussarbeit. Dafür hatte ich mir das Thema Trisomie 21 ausgesucht, da auch meine Schwester Jami das Down-Syndrom hat. Ich wollte mit meinem Abschlussprojekt etwas gestalten, das nicht nur schön aussieht, sondern auch wirklich Anwendung findet und die Inklusion von Kindern mit Down-Syndrom fördert.

Gerade Kinder mit Down-Syndrom können nämlich sehr von der Kommunikation durch Gebärden profitieren, da ihre Sprachentwicklung stark verzögert ist. Das aktuelle Angebot von Lehrmaterial für Gebärden hat mich nicht gerade vom Hocker gehauen. Es ist nicht wirklich modern oder spannend gestaltet, weswegen auch kein wirklicher Anreiz zum Lernen gegeben ist.

Also habe ich angefangen, die Gebärden in meinem Zeichenstil zu illustrieren und saß letzten Endes mehrere Monate lang Tag und Nacht an meinen Laptop und habe rund 2.000 Illustrationen angefertigt, woraus dann die 100 verschiedenen Gebärden-Daumenkinos entstanden sind. Damit ging zwar auch eine Sehnenscheiden-entzündung einher, aber das war es wert.”

Wo seht Ihr die größte Herausforderung für Kinder mit Down-Syndrom?

“Ohne ausreichende Inklusionsmaßnahmen ist es für Kinder mit Down-Syndrom fürchterlich schwer, Anschluss zu finden. Viele Kitas sind noch immer nur auf Regelkinder ausgerichtet. Das muss dringend geändert werden. Nicht nur für Kinder mit Down-Syndrom, sondern für alle Kinder, die nicht den objektiven Normvorstellungen entsprechen.” 

Gibt es so etwas wie einen klassischen Arbeitsalltag bei Eurem Projekt?

“Den klassischen Arbeitsalltag gibt es bei uns noch nicht, aber vielleicht kommt er irgendwann… Jeden Tag stehen neue Ideen, Baustellen und Aufgaben an, die aus dem klassischen Arbeitsschema fallen. Zwischen der Online-Shop-Programmierung, dem Aufstellen von Finanzplänen, dem Illustrieren neuer Daumenkinos und weiteren wild zusammengewürfelten Arbeitsfeldern werden noch die Daumenkino-Päckchen von uns zusammengestellt und abgeschickt. Die Lernkurve der letzten sechs Monate geht quasi im 90 Grad Winkel nach oben.”

Welchen Gegenstand habt Ihr dabei immer in der Hand?

“Unsere Laptops haben wir immer zur Hand. Auch wenn sie leider nicht sonderlich handlich sind.”

Was erhofft ihr Euch von Eurem Projekt?

“Wir hoffen, dass wir die Kommunikation für alle Kinder erleichtern und somit die Inklusion fördern und vorwärts bringen können. Selbst wenn jeder zumindest ein paar Gebärden verinnerlicht und anwenden kann, wäre das ein wahnsinnig wertvoller Beitrag, um niemanden mehr auszuschließen.Vielleicht kann die Gebärdensprache irgendwann auch als Wahlfach oder als AGs in Schulen angeboten werden. 

Uns haben auch super viele Erwachsene geschrieben und erzählt, dass sie mit unseren Daumenkinos nun Gebärden lernen. Wir freuen uns einfach unendlich sehr, wie gut talking hands bei allen ankommt und werden die Sammlung der Daumenkinos noch erweitern.”

Die Gründerinnen von Talking Hands

Jetzt schon ein Erfolg

Gab es schon Auszeichnungen?

“Mit talking hands wurden wir von der Bundesregierung als Kultur-und Kreativpilotinnen 2020 ausgezeichnet. Außerdem hat talking hands bei Hessen Ideen den 3. Platz gewonnen, beim ADC Junior Wettbewerb 2019 silber bekommen und es beim Future Award 2019 auf den ersten Platz geschafft.”

Wow, super! Was war Euer bisheriges Highlight mit talking hands?

“Jedesmal wenn Erzieher und Eltern uns kontaktieren und erzählen wie viel Spaß die Kinder an den Daumenkinos haben und wie schnell sie die Gebärden lernen, ist das ein Highlight und erinnert uns immer wieder daran, wofür wir das Ganze machen. Kurz nach Weihnachten erreichte uns die Nachricht einer Mutter, die erzählte, dass talking hands die absolute Attraktion unterm Weihnachtsbaum war. Das war schon ein sehr schönes Gefühl.”

Ihr habt also schon einiges erreicht. Welche Zukunftspläne habt Ihr mit Eurem Projekt noch?

“Grundsätzlich wollen wir gemeinsam mit Pädagogen an weiteren Spielen und Lernprojekten zur Förderung der Inklusion arbeiten. Wir werden für mehr Inklusion im Bildungssystem kämpfen und nicht davon abrücken, bis jedes Kind die gleichen Fördermaßnahmen bekommt.”

Das finden wir sowas von unterstützenswert!
Die Daumenkinos könnt ihr unter www.talkinghandsflipbooks.de erwerben.

Lust auf mehr Geschichten von Gründerinnen? Wir waren zu Besuch bei vier Frankfurter Gründerinnen.

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Lea

Fühlt sich auf der Welt zu Hause, liebt aber ihr Sachsenhausen.
Hat immer einen mehr oder weniger lustigen Witz auf Lager Marketing war schon immer ihr Ding und die besten Ideen kommen ihr bei einem Glas Wein.