"Abgedreht!" : Zu Besuch in Michel Gondrys Filmfabrik

"Abgedreht!" : Zu Besuch in Michel Gondrys Filmfabrik

 

"Zum eigenen Film in nur drei Stunden":

Das klingt zunächst einmal in etwa so aussichtsreich wie das Versprechen  "In 6 Wochen zur Traumfigur" auf der Titelseite der nächstbesten Frauenzeitschrift. Trotzdem möglich machen möchte das "Abgedreht!", die Filmwerkstatt des französischen Filmemachers Michel Gondry

Noch bis zum 28. Januar 2018 zu Gast im Deutschen Filmmuseum, haben nun auch Frankfurter Film-Fans Grund zur Freude. Nach Anmeldung besteht die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit im Team eine Idee zum eigenen Kurzfilm zu entwickeln, ein kleines Drehbuch zu verfassen - und anschließend selbst vor laufender Kamera zu stehen. 

Eine Möglichkeit, die unsere Redakteure Nadine und Matze natürlich nicht ungenutzt verstreichen ließen...

Film ab! 

Zugegeben, sonderlich kameratauglich fühlen sich unsere beiden Filmemacher in spe noch nicht, als sie sich am frühen Sonntagnachmittag vor dem Filmmuseum treffen. Auch haben sie zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was sie wohl erwarten mag - sind aber gleichsam aufgeregt wie Bolle. 

Auf den Rest ihrer Film-Crew stoßen die beiden im Foyer des Museums. Mitsamt unserer Redakteure haben sich elf Teilnehmer eingefunden, um heute Filmgeschichte zu schreiben. Nun ja, zumindest um einen spannenden Nachmittag zu verbringen.... 

Auf eine kurze, herzliche Begrüßung einer Museums-Mitarbeiterin folgt auch prompt die Einweisung in den Workshop. Zeit, uns einander vorzustellen, bleibt kaum. Die Uhr läuft bereits gegen uns, in nicht einmal drei Stunden sollen wir eine DVD mit unserem eigenen Film in den Händen halten. Wie das funktionieren soll? Wir haben keine Ahnung. 

Ein wenig Licht ins Dunkel kann glücklicherweise unsere Betreuerin bringen. Zeitlicher Ablauf und Regeln der Filmfabrik sind auf großen Tafeln vermerkt; wir merken schnell: Regeln und einen strengen Zeitplan, die braucht es auch, um ein solches Projekt innerhalb 180 Minuten überhaupt realisieren zu können.

Auch ein Film beginnt mit einer Idee... 

Zunächst also gilt es, einzelne Rollen zu bestimmen. Klar, es braucht jemanden, der die Regeln auf den Tafeln laut vorliest. Es braucht jemanden, der Ideen und Ergebnisse dokumentiert, es braucht jemanden, der die Zeit im Blick behält und gegebenenfalls zur Eile mahnt. 

Und nicht zu vergessen: Es braucht auch jemanden, der im Anschluss hinter der Kamera steht. Die Rollen sind schnell verteilt, eine Arbeitszeit-Managerin ist schnell gefunden. Unser Matze reißt die Rolle des Schriftführers an sich, klar, schreiben tut er schließlich gerne. Er positioniert sich schon einmal am Whiteboard, während auch ein "Kamerakind" schnell gefunden ist. 

Zuallererst wird sich mit den zur Verfügung stehenden Kulissen vertraut gemacht. Die Auswahl ist beachtlich: Vom originalgetreuen Nachbau eines U-Bahn-Abteils über den Tisch einer Kneipe bis hin zum Mofa vor dem Bluescreen oder Friedhof warten die unterschiedlichsten Handlungsorte darauf, bespielt zu werden. 

Schreiben, das tut er gern: Unser Autor Matze am Whiteboard

Schreiben, das tut er gern: Unser Autor Matze am Whiteboard

Zuerst aber will ein Genre gefunden werden. In einem kurzen Brainstorming werden  alle gängigen in den Raum geworfen und gewissenhaft auf dem Whiteboard festgehalten. Ein kurzer Blick auf die Uhr, Zeit für große Diskussionen bleibt nicht. Eine basisdemokratische Abstimmung der Gruppe legt fest: Ein Western mit Comedy-Elementen soll es werden. Matze rollt kurz die Augen, ist nun so gar nicht sein Metier, aber hier gilt es Kompromisse zu machen. Zeit, sich zu ärgern hat er nicht: Ein Titel will schließlich ebenfalls gefunden werden. 

Abermals kurzes Brainstorming. "Cowgirls und Indianer"? Oder doch lieber "High Noon in der U2"? "Kugelhagel im Stadt-Café"? Wir entscheiden uns - erneut ganz demokratisch - für den letztgenannten Filmtitel. Matze ist wieder happy, war schließlich sein Vorschlag. 

 

Kugelhagel im Stadt-Café: Eine Idee nimmt Gestalt an

Eine erste Welle schöpferischen Stolzes macht sich breit, doch fehlt da nicht noch was? Ach ja, der Inhalt. Die Zeit läuft, es bleibt noch in etwa eine Viertelstunde. 

Es ist wohl diese ganz besondere Dynamik, die innerhalb nur kurzer Zeit eine fertige Idee entstehen lassen kann. Diese Dynamik, die sich entwickelt, wenn ein bunt gemischtes Team unter Zeitdruck kreativ wird. Diese Gruppendynamik, die im Workshop auch ausdrücklich erfahren werden soll. 

Wir laufen zur kreativen Höchstform auf. Ein Jeder, groß wie klein,  gibt seine  Einfälle kund, seien sie noch so abenteuerlich. Nadine assoziiert den "Kugelhagel" spontan mit einem "Eiskugelhagel", den man im Café stattfinden lassen könnte. Allgemeine Begeisterung, jemand spielt mit dem Begriff "Marmorkuchen", ein aufgeweckter junger Kerl bringt Donald Trump ins Spiel. Das Wort "Twitter" wabert durch den Raum, Matze kommt mit dem Schreiben kaum hinterher. 

Unmöglich, das kreative Chaos im Nachtrag zu rekonstruieren. 
Doch tatsächlich gelingt es, den Filmtitel um eine passende Handlung zu ergänzen. Einer, die sogar ansatzweise witzig ist und mit den zur Verfügung stehenden Kulissen realisiert werden kann. 

In Stichworten notiert soll diese lauten: 

  • Alte Dame ist verärgert über Kuchen im "Stadt-Café"
  • Sie begeht Rache, indem sie über Twitter die Nachricht streut, es gebe im Café Eis umsonst 
  • Na klar: Ein jeder liest die Nachricht, vom verkaterten Nichtsnutz im Bademantel über die Kinder auf dem Campingplatz bis hin zum US-Präsidenten. Selbst Verstorbene feiern Wiederauferstehung, um gratis Eis zu schlecken. Is klar, ne? 
  • Umweltbewusst mit U-Bahn oder rasant auf dem Roller: Man macht sich auf, das Café zu stürmen
  • Angekommen, folgt eine böse Überraschung: Es handelt sich um eine Falschnachricht. Nix da mit Eis für lau, alle rasten aus. Donald Trump brüllt "FAKE NEWS!!", Chef und Kellnerin werden mit Eiskugeln beworfen.
  • Ein einzelner Gast schaut dem Chaos zu, nippt am Café und lacht schelmisch: Die alte Dame...

Doch wer spielt wen? Hatte man sich eigentlich schon namentlich vorgestellt? Hatten man nicht, wird schnell nachgeholt. Jemand, der schon immer einmal aus einem Grab klettern wollte, meldet sich für die Rolle des Untoten. Eine freundliche Kellnerin für das Café ist ebenso schnell gefunden wie ein adäquater US-Präsident. Die Kinder spielen - na klar! - die Kinder,  Nadine wird als alte Dame die Hauptrolle übernehmen dürfen. Und Matze? Der spielt den verkaterten Taugenichts. Eine Rolle, die ihm sicher keine schauspielerischen Meisterleistungen abverlangen dürfte! 

Ordnung muss sein, auch beim Filmdreh! 

Ordnung muss sein, auch beim Filmdreh! 

Ein paar letzte Notizen auf dem Drehplan, ein Blick auf die Uhr: Voll im Zeitplan. Nun wird in die Rollen geschlüpft. Hierbei ist ein ganzes Arsenal an Requisiten und Kostümen behilflich. Sonnenbrillen für die kleinen Bodyguards des US-Präsidenten sind genauso vorhanden wie ein schicker Zylinder für den Untoten und ein nettes Outfit für die Kellnerin. Nur Eiskugeln nicht, die wollen erst gebastelt werden. Matze drückt sich, konnte er noch nie. Nadine ist unter ihrer Perücke kaum wiederzuerkennen und übt bereits ihr diabolischstes Oma-Lachen. Matze amüsiert sich prächtig, aber nur solange, bis er von seiner Kollegin zum Tragen eines potthässlichen Bademantels verdonnert wird. Na schönen Dank auch! 

„Und Action“: Startklar für den Dreh

Kaum zu glauben, der Dreh kann beginnen! Die Meute wird zu den Kulissen geführt und staunt nicht schlecht: Alles hier wirkt so richtig professionell, fast wie im echten Film-Studio. 

Das "Kamerakind" bekommt eine Einweisung in die Kamera. Für den eigentlichen Dreh verbleibt nur eine Stunde, keine Einstellung darf doppelt gedreht werden. Das heißt: Es darf nichts schiefgehen. Und wenn doch? Haben die Zuschauer wenigstens was zu lachen. 

Doch daran will niemand denken, als die Eröffnungsszene gedreht wird. Nadine erweckt den Eindruck, als habe sie nie etwas anderes getan, als eine Seniorin im Café zu spielen.

Auch die liebe Kellnerin blüht in ihrer Rolle auf, und Matze bereitet sich gedanklich schon auf seinen ersten Einsatz vor der Kamera vor. Im Bett liegen soll er, so tun, als würde er gerade aufwachen und verschlafen sein Handy packen, um Twitter zu checken. Dürfte gelingen, denkt er sich - im Verschlafensein, da macht ihm so schnell nämlich niemand etwas vor!

Foto 05.11.17, 16 36 16.jpg

Man springt von Kulisse zu Kulisse, eilt von Szene zu Szene, immer auf der Suche nach der besten Perspektive. „Action!“ heißt es in der vorübergehend zum Oval Office mutierten Burökulisse, „Cut!“ wird gerufen, nachdem der Grabdeckel angehoben wurde. 

Es herrscht allgemeine Freude während der Dreharbeiten, ob vor oder hinter der Kamera. Manche Dialoge entstehen ganz spontan, mancher Text wird vergessen und fix neu improvisiert. Manch Einsatz wird vergessen, macht aber nix - denn, das haben alle längst begriffen: Hier zählt allein das kollektive Erlebnis. 

Irgendwann ist dann die letzte Klappe gefallen. Eine Stunde Dreharbeiten für 4 Minuten Filmmaterial, so das Resultat. „Eine ganz normale Ausbeute“, beruhigt ein netter Mitarbeiter der Filmfabrik. „Gut gemacht!“ 

Nadine verjüngt sich allein durch das Absetzen ihrer Perücke um mindestens vierzig Lebensjahre, auch Matze tauscht Bademantel wieder gegen Shirt und Jeans. Der kleine Donald Trump wird wieder zum breit grinsenden Jungen. Man gibt sich geschafft und aufgeregt, als nach knapp drei Stunden endlich eine wahrhaftige DVD samt selbst gestaltetem Cover in den Händen liegt. Wenn auch die Blicke darauf noch etwas ungläubig erscheinen...  

Im eigens eingerichteten Kinosaal heißt es dann „Vorhang frei!“ für das filmische Debüt.Schon die Eröffnungsszene sorgt für Lacher, auch kleine Pannen sorgen allenfalls für Erheiterung.

Eine große Zukunft im Filmgeschäft, so ahnen unsere Reporter, steht ihnen nicht bevor. Aber all die Freude dieses Nachmittags: Die nimmt ihnen niemand mehr.  

Foto 05.11.17, 16 21 38.jpg

Blockbuster oder Sinnlos-Streifen? Zeit für ein Resümee

Zurück am Schaumankai, endlich frische Luft. Zeit für einen Kaffee und ein Resümee. Ein Blockbuster, da sind sich Nadine und Matze einig, ist‘s nun eher nicht geworden. Doch hatten sie auch kaum erwartet, das Filmmuseum als Oscar-Preisträger zu verlassen. „Du gibst einmal eine tolle Oma ab!“, macht Matze  Nadine fragwürdige Komplimente. Er moniert, dass er sich ein bisschen weniger Kostüm-Gebrauch gewünscht hätte. „War ja fast wie an Fasching“. Nadine ist da anderer Meinung, außerdem habe Matze ja immer was zu meckern. 

Sie würden es jederzeit wieder tun, da allerdings sind sich beide einig. Auch darüber, dass die Zeit wie im Fluge verging. Dass der größte Gewinn - neben einer gehörigen Portion Spaß! - ganz sicher die Erkenntnis war, welch ungeahnten Verlauf kreative Team-Arbeit nehmen kann. Welch spannende Dynamik sich entfalten kann, wenn die Zeit im Nacken sitzt. 

Der Film jedenfalls ist abgedreht und konserviert.  Inmitten vieler anderer steht er nun inmitten des Archivs der Filmfabrik. Ob sich ihn jemand jemals wieder anschauen wird? Man weiß es nicht. Vielleicht auch besser so... 

So viel Zeit muss sein: Gruppenbild im U-Bahn - Wagen 

So viel Zeit muss sein: Gruppenbild im U-Bahn - Wagen 

Lust bekommen? 

Habt auch ihr Lust bekommen, in der Filmwerkstatt euren eigenen Film zu kreieren? Selbst ein Drehbuch zu entwickeln, anschließend vor oder hinter der Kamera zu stehen? Dann tut es doch unseren beiden Filmhelden gleich! Noch bis zum 28. Januar 2018 habt ihr die Gelegenheit, euch von der Aufregung und Dynamik von „Abgedreht!“ ergreifen zu lassen. Leistet euren kreativen Beitag für ein kleines Meisterwerk - und schnuppert ein wenig am Hollywood-Duft, den die großartigen Kulissen verströmen. 

Ihr werdet‘s nicht bereuen! 

Natürlich wollen wir euch auch unser Machwerk nicht vorenthalten. Film ab für Nadine als zuckerböse Oma und Matze im wohl hässlichsten Bademantel aller Zeiten!
 


Abgedreht!
im Deutschen Filmmuseum
Schaumainkai 41

Anmeldung & Termine: 
abgedreht.deutsches-filmmuseum.de

 
Gemütlich und gemeinschaftlich: Libertine Lindenberg

Gemütlich und gemeinschaftlich: Libertine Lindenberg

Mainherzprojekt: Ein Besuch im Strickstudio

Mainherzprojekt: Ein Besuch im Strickstudio