Nicht irgendeine Fichte

Nicht irgendeine Fichte

 

Zugegeben: die (zugezogene!) Autorin dieser Zeilen fand das typisch Frankfurter Theater um den Weihnachtsbaum auf dem Römer immer seltsam übertrieben. Aber: wie meistens, wenn man sich mit etwas eingehend beschäftigt, wurde das Thema doch interessant. Und wie eingehend wir diesmal dabei sein durften, als der Baum ausgewählt wurde! Manche haben es bei Instagram diese Woche vielleicht schon verfolgt.

Fangen wir vorne an: Der diesjährige Baum kommt aus der Nähe. Aus dem hessischen Spessart nämlich, genau gesagt: aus Schlüchtern im Main-Kinzig-Kreis. Die eingeladene Jury durfte ihre verantwortungsvolle Aufgabe mit einem sehr aufregenden Programmpunkt beginnen: Es galt die zur Wahl stehenden Bäume „von oben“ zu begutachten. Das meinte nicht entspannt mit Drohne und Film gucken, sondern per Cessna. Eine Stunde Rundflug, über die Ronneburg und die zart herbstlich gefärbten Wälder und die drei zur Wahl stehenden Bäume stimmte uns auf die ein.

Da auf dem Römerberg aber nahezu alle der drei Millionen Besucher den Baum von unten begutachten und – viel wichtiger: fachmännisch kritisieren! – ging es nun am Boden zu den einzelnen Bäumen.

Das „Lastenheft“ mit den Ansprüchen an die Fichte war lang, seufzt Bernhard Mosbacher von der Spessart Tourismus und Marketing GmbH. Unter anderem musste der Wunschbaum:

X ca. 30m hoch sein. Nicht sehr viel höher, weil sonst der Transport schwierig ist (da gab es letztes Jahr klitzekleine Problemchen...) und nicht viel niedriger, damit er an die Höhe des Römers heranragt. Und: damit er weiterhin Deutschlands größter freigeschlagener Baum bleibt.
X einen Stamm mit 1m Durchmesser haben. Damit er gut im Boden verankert werden kann.
X gut zugänglich sein. Um den Baum zu fällen, Kräne aufzustellen (dazu später mehr!) und ihn abzutransportieren.
X mit biegsamen Ästen ausgestattet sein, die etwas aushalten. Dafür waren vor allem die kritischen Blicke des Elektromeisters Jörg Renneisen, seines Zeichens erfahrener „Make-up-Artist“ und „Stylist“ des Baums, gefragt. Kleine Schönheitskorrekturen sind kein Problem für ihn, aber die Basis muss eben stimmen.

Mit allen Aspekten im Hinterkopf geht es mit der ganzen Delegation, darunter auch der Bürgermeister von Schlüchtern Matthias Möller, zu Baum 1. Eine hohe Fichte in einem Vorgarten. Ein netter Baum, allerdings: der Stamm ist zu dick, dafür die Äste zu schwach. Außerdem ein Loch auf halber Höhe, das man noch ausgleichen könnte, indem man den Baum richtig zum Römer dreht. Aber da geht noch was, denkt sich die Gruppe.

Baum 2: eine bilderbuchhafte Weihnachtsbaumform, die war sogar aus der Luft schon zu erkennen. Ein bisschen schief vielleicht und nicht wirklich beeindruckend hoch. Größtes Manko aber: er steht mitten, wirklich mitten, auf einem Friedhof. Das Positive am seltsamen Standort: „Der Baum ist schon Kummer gewohnt“ lacht Herr Feda, Geschäftsführer der Tourismus + Congress GmbH Frankfurt am Main im Bus. Und: freie Fahrt für unzählige Wortspiele mit „Trauer“ und „Tod“.

Auf zu Baum 3 also, die Spannung steigt. Wird ER es sein? Der Weg führt die Delegation mitten in den Wald. Das gefällt uns, da gehört ein Baum hin. Gerade ist er schon mal, hoch ebenfalls: geschätzte 30-32 Meter. Charakter hat er auch. Herr Renneisen begutachtet: die Äste sind gemacht für das Tragen der 4833 Lichter. Etwas Kopfkratzen wegen der nah stehenden anderen Bäumen, dann aber das einstimmige Ergebnis: der hier soll es sein, den wollen wir mitnehmen auf den Römerberg!

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Am Morgen darauf ist es dann auch soweit: bei regnerischem und kühlem Herbstwetter im Wald kommt schon fast Weihnachtsstimmung auf. Das schon bereit stehende schwere Gerät und das menschliche Gewusel macht klar: hier geht es immerhin um geschätzte 7-9 Tonnen Baum.

Der Schwerlastkran fährt aus bis auf 52m. Forstmeister Andreas Kress klettert in den Baum, Ast für Ast in eine Nackenstarre verursachende Höhe, um den Baum mit den Ketten an zwei Stellen am Stamm zu „verschluppen“. Dann schon bald ist er wieder am Waldboden und setzt die Motorsäge an. Schnell geht es und der Baum schwebt. Er schwebt! Als ob er federleicht vom Boden abheben könnte. Alle Anwesenden halten die Luft an, vor Aufregung und vor Begeisterung über den tanzenden Baum, der sich vorsichtig drehend durch die anderen Bäume bewegt. Spätestens als sich die Fichte dort hoch in der Luft noch einmal von allen Seiten zeigt, muss ich zugeben: Man kann für einen simplen Baum sehr viele Gefühle entwickeln!

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Bevor nun die ersten Stimmen kommen, dass der Baum gerne dort geblieben wäre: In der engeren Auswahl waren nur Bäume, die früher oder später sowieso von ihrem Platz entfernt werden müssten. Außerdem: Zeitgleich wurden 50 neue Fichten in der Nähe gepflanzt:

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Nun darf sich das 30-Meter-Bäumchen erst einmal ausruhen. Am 1.11. wird er in Frankfurt angeliefert und aufgestellt, das ist nochmal eine spannende Phase. Wir sind natürlich für Euch dabei. Anschließend müssen sich die für den Transport hochgebundenen Äste noch „aushängen“, bevor der Baum in der Woche darauf fachmännisch mit Schleifen und Lichtern versehen wird. Ab dem

Wir sind gespannt, wie sich der Baum auf dem Römerberg machen wird und freuen uns auf ein Wiedersehen. Spätestens ab dem 26.11. können wir ihn dann alle in voller geschmückter Pracht auf dem Weihnachtsmarkt sehen.

Danke noch einmal an Tourismus + Congress GmbH Frankfurt am Main, dass wir die Ehre hatten dabei zu sein, und an die Spessart Tourismus und Marketing GmbH und alle Beteiligten für diese aufregenden und lustigen zwei Tage im Spessart!

Schon in Weihnachtsstimmung? Welcher der drei Bäume hätte wohl Eure Stimme bekommen?

 
Der Frankfurter Oktober 2018 in Bildern

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