Biotop der Kultur: Die Brotfabrik

Biotop der Kultur: Die Brotfabrik

 

Titelfoto: Sandra Scherer (@analora_photoart)

Es ist schon ein komisches Gewächs, diese Brotfabrik. Genau wie der gepflasterte Hof, auf dem sie steht. Wenn man sich den eigenwilligen Boden so ansieht, fragt man sich unweigerlich: Wer hat wohl hier den ersten Stein gelegt? Und welcher war das?

Nun, mit der Brotfabrik verhält sich das ganz ähnlich. Kultur vor Ort und Ort für Kultur bilden hier eine Einheit und geben dem Stadtteil Hausen, der das schöne Gemäuer seit Ende des 19. Jahrhunderts beheimatet, sein geistiges Epizentrum. Und obwohl Hausen, ein ehemaliges Mühlendorf im Frankfurter Westen mit heute rund siebentausend Einwohnern, ohne die Brotfabrik nicht Nichts wäre, ist es doch einfach etwas ganz Besonderes, dadurch, dass es die Brotfabrik hier gibt.

Antje te Brake führt seit 2015 die Geschicke in dem Hausener Kulturzentrum. Genauer gesagt, arbeitet die diplomierte Übersetzerin als Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins „Kulturprojekt 21 e.V.“, der den großen Saal der Brotfabrik bespielt. Dort gehen jährlich neben den regelmäßigen Partys, Disko- und Tanzabenden, Lesungen und politischen Veranstaltungen rund 60 Konzerte über die Bühne. „Das ist aber noch lange nicht alles“, so te Brake. Hinzu kommen zwölf weitere Mieter und Projekte, die das rund 1.500 Quadratmeter große Gelände beleben. Zu den Angeboten zählen etwa eine Kizomba-Tanzschule, die Melo-Bar, das Restaurant „kp21“, das Frankfurter Autoren Theater, psychotherapeutische Projekte und eine Kanzlei.

„Unsere ganze Büroarbeit bewältigen wir hier mit gerade einmal zweieinhalb Stellen“, erklärt te Brake – bei zweihundert Veranstaltungen pro Jahr eine satte Leistung. Zum übrigen Team gehören insgesamt etwa zwanzig Personen. Das Booking für Konzerte wird weitgehend extern erledigt, darum kümmert sich Musikkurator Markus Gardian. Zudem sind Harald Scherbach, Conny Wynen und Christina Ohlhus als ehrenamtliche Mitglieder im Vorstand aktiv. Das Kulturprojekt finanziert sich zum Großteil aus eigenen Einnahmen. „Den Rest, etwa ein Viertel der Kosten, decken wir mit öffentlichen Mitteln von der Stadt und dem Land Hessen“, so te Brake. Erst kürzlich wurde im Rahmen eines Digitalisierungs-Programms des Bundes ein weiterer Zuschuss bewilligt. „Damit können wir uns ein neues Lichtpult zulegen. Das spart Strom und viel Aufwand, worüber wir sehr glücklich sind.“

Glücklich ist die Nordrhein-Westfälin auch über das Frankfurt, was sie gefunden hat

„Ich komme aus Velbert bei Wuppertal und hatte große Vorbehalte gegen Frankfurt als ich 2006 hierherkam. Für mich war die Stadt synonym mit Börse, Banken, Hochhäusern – damit kann ich so gar nichts anfangen.“ Die Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika e.V., kurz Litprom, war es, die te Brake an den Main gelockt hat. „Dort habe ich nach meinem Studium in Düsseldorf ein Praktikum gemacht – und bin geblieben. Gerne sogar!“ Die vielfältigen Sommer-Angebote und zahlreichen Grünflächen in der Stadt haben es ihr schnell angetan.

In den letzten Jahren ist das Kulturprojekt dreimal mit dem Musikpreis „Applaus“ (Auszeichnung der Programmplanung unabhängiger Spielstätten) ausgezeichnet worden. „Diese Anerkennung ist großartig für uns. Neben dem Preisgeld, zuletzt waren es 20.000 Euro, geben uns derlei Auszeichnungen auch die Courage, in der Programmplanung immer mal wieder ein bisschen risikobereiter zu denken“, so te Brake. Der Kostenaufwand bei der Organisation von Konzerten ist immerhin so hoch wie komplex, denn rein mit der Gage ist es noch lange nicht getan. Dazu kommen Ton- und Lichttechniker, die gemietete Soundanlage, die Betreuung, Unterbringung und Verpflegung der Künstler sowie deren Sozialbeiträge. All das muss in der Kalkulation berücksichtigt werden. Und natürlich die Gema-Gebühren.

Einen Alltag im herkömmlichen Sinne hat te Brake nicht. Die 39-Jährige hält die Fäden in der Hand – mit allem, was dazu gehört.

„An einem typischen Arbeitstag, weiß ich nicht, was der Tag bringen wird“, sagt te Brake und lacht.

Bis in die 70er Jahre wurde hier noch Brot gebacken. Heute wird in der Bachmannstraße 2-4 kulturelle Vielfalt gelebt: Das Spektrum reicht von Fingerstyle Gitarristen bis zu Pianisten der Neo-Klassik, von Kehlkopfgesang aus der Mongolei bis zu feministischem HipHop aus Guatemala, von Mandinka Musik aus Mali bis Vocal Folk Hop aus Finnland, von australischen Singer/Songwritern bis zu europäischen Jazz-Sängerinnen. Diversität und Anspruch – dafür ist die Brotfabrik als eines der ältesten selbstverwalteten Zentren Frankfurts die erste Adresse.

 
Der Frankfurter November 2018 in Bildern

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Hinter den Kulissen: Das Music Discovery Project

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