"Berliner rollen mit den Augen, wenn ich erzähle, dass ich aus Frankfurt komme": Auf eine Pfeife mit Michael Nickel

"Berliner rollen mit den Augen, wenn ich erzähle, dass ich aus Frankfurt komme": Auf eine Pfeife mit Michael Nickel

 

Titelfoto: behindthescenes berlin

Mit Frankfurt und Berlin ist das ja immer so eine Sache.

Während für die einen Berlin die einzig wahre deutsche Großstadt und Frankfurt allenfalls ein provinzielles Nest voll Anzugträger und Langeweile ist, empfinden andere Berlin als schmutziges Moloch und schwören auf Frankfurts geballte Vielfalt auf kleiner Fläche mit einem spannenden Mix aus Gemütlichkeit, Weltoffenheit und Wolkenkratzern.

So oder so: Um in die Seelen beider Städte einzutauchen und ihre Facetten für sich zu entdecken, muss man wohl eine Weile in ihnen gelebt haben. So wie Michael Nickel. Der 29-Jährige Musiker verbrachte fünf Jahre seines Künstlerdaseins in Frankfurt, während der er dem Autor ein guter Freund wurde. Im August 2017 tauschte er Main gegen Spree und verdingt sich seitdem als Pianist in Berlin.

Wie lebt es sich als Kreativer in der Hauptstadt? Welche Vorzüge hält ein Leben in Berlin parat? Kann ein solches ohne Apfelwein überhaupt funktionieren? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir den leidenschaftlichen Pfeifenraucher in seiner neuen Heimat besucht und uns mit ihm über Berlin als Sehnsuchtsort, das Bedürfnis nach Ordnung im Straßenverkehr, die Widrigkeiten des Berliner Nachtlebens und die Architektur als eine Muse unterhalten…

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Nach einem Spaziergang durch Nickels neue Heimat wird Platz in einem Biergarten in Berlin-Mitte genommen. „Servus!“, grüßt der Musiker die Kellnerin und bestellt zielsicher ein großes Bier. Der Autor vermisst schmerzlich Apfelwein in der Getränkekarte und entscheidet sich traurig für ein alkoholfreies Weißbier. Wenig später stellt eine wortkarge Kellnerin zwei Gläser auf den Tisch der beiden Freunde.

Zum Wohl, mein Lieber! Was war das denn eben? Ein Servus? Hast du dir das Gude etwa schon abgewöhnt? 
Da hast du mich kalt erwischt! Mir fällt es tatsächlich schwer, hier „Gude“ zu sagen, dieser Gruß verträgt sich bislang so gar nicht mit Berlin. Vielleicht sollte ich aber damit beginnen, das „Gude“ hier zur Marke werden zu lassen. Eine patentierte Berliner Anredeformel gibt es jedenfalls nicht. Nur „Moin!“ sollte hier niemand sagen, das geht natürlich überhaupt nicht.

Gut, dass wir das geklärt haben. Dann lass‘ uns doch mit ein paar seichten Fragen einsteigen! Ich fang‘ gleich mal an: Konsti oder Kotti?
[zögernd] Äähhm… boah… das fängt ja ziemlich schwierig an!

Du sollst intuitiv antworten, nicht nachdenken. Ich erwarte auch keine Begründung. Triff eine Entscheidung!
Na dann sag‘ ich einfach mal „Konsti“!

Na geht doch. Kleinmarkthalle oder KaDeWe?
Kleinmarkthalle.

Wasserhäuschen oder Späti?
Wasserhäuschen. Die sind origineller und haben eine lange Geschichte!

Das waren jetzt drei Punkte für Frankfurt. Ein „Berliner“ bist du wohl tatsächlich noch nicht. Was meinst du, ab wann du einer sein wirst?
Ich bin auf gutem Wege, denke ich. Zuhause fühle ich mich hier nämlich sehr wohl – ich habe tolle Freunde gefunden und auch die Nachbarn grüßen mich. Ich habe das Gefühl, mich hier verwirklichen zu können – und ich liebe die schöne Architektur. Berlin wird ja oft als ausgesprochen hässlich bezeichnet, dabei ist es eine wirklich schöne Stadt! Auch andere Dinge im Berliner Alltag geben mir ein „heimeliges“ Gefühl. Ich komme mehr und mehr rein in diese Stadt, aber als „Berliner“ würde ich mich noch lange nicht bezeichnen. Nach gerade mal einem Jahr wäre das doch geradezu anmaßend.

Bevor du auf dem besten Wege warst ein Berliner zu werden, hast du allerdings fünf Jahre deines Künstlerdaseins in Frankfurt verbracht. Wie hast du meine Stadt erleben dürfen?
Ich habe es geliebt, ein Kreativer in Frankfurt zu sein! Es gibt natürlich dieses Image von Frankfurt als Bänker- und Betonstadt. Zwischen Großunternehmen und Kälte durfte ich aber ganz wunderbare Künstler kennenlernen, die einen umso engeren Umgang miteinander pflegen. Mit einer einzigen Idee in Frankfurt kann man in Frankfurt noch viele Menschen begeistern und zum Mitmachen bewegen! 

 Eine Plakette an einer Bank in der Glauburgstraße erinnert auch heute noch an Nickel als Sohn der Stadt Frankfurt.

Eine Plakette an einer Bank in der Glauburgstraße erinnert auch heute noch an Nickel als Sohn der Stadt Frankfurt.

Ein wenig einfacher gesprochen: Müsstest du Frankfurt in drei Worten beschreiben, welches wären diese?
Das ist eine fiese Frage. Da brauche ich erstmal einen Zug aus meiner Pfeife.

Nickel kramt seine Pfeife hervor und fingert Tabak aus der mitgebrachten Dose. „Black Diamond“, sagt er und stopft mit routiniertem Griff den Pfeifenkopf. Der Autor spendet großzügig Feuer, wenig später wird das Szenario von einem süßlichen Duft umweht. Der Fragesteller verspürt den Drang, mit einer Zigarette eigene Akzente zu setzen.

Hach, ja. Was wären wir Künstler nur ohne Rauch in der Lunge? Doch zurück zu meiner Frage: Frankfurt in drei Worten?
Schnelllebigkeit. Veränderung. Tradition.


Das hört sich nach einer spannenden Mischung an. Bleiben hast du aber dennoch nicht wollen. Erfolgte dein Wegzug also allein aus Imagegründen?
Natürlich nicht! In Frankfurt durfte ich nämlich auch meine erste Krise erleben, nachdem ich dort keine Perspektive mehr für mich gesehen hatte. Gleichzeitig gab es ein verlockendes Angebot aus Berlin.. Und – na klar! – da war die Hoffnung, in Berlin auch mit meiner Musik größeren Erfolg zu haben. Außerdem hatte ich auch immer schon davon geträumt, einmal in der Hauptstadt zu leben – wenn auch auf ungewisse Zeit...

Mit diesem Traum bist du nun wahrlich nicht alleine. Schon immer galt Berlin als Sehnsuchtsort für Freigeister jeglicher Natur. Hast du eine Idee, woran das liegen könnte? Worin liegt der Zauber dieser Stadt begründet?
Man nennt Berlin auch die „Stadt der Hoffnung“, und genau das drückt es ziemlich gut aus: Berlin ist auch heute noch eine Stadt im Werden, in Berlin ist auch heute noch vieles möglich. Ich erinnere mich an eine Frau in Pankow, die zu mir sagte: „Hier ist alles möglich!“. Auch, wenn Berlin an für sich nicht wie Frankfurt für den Kapitalismus steht, merkt man: Die Menschen hier wollen etwas erreichen. Sie finden mit Berlin einen guten Ort vor, um aus sich selbst eine Marke zu machen. Die Stadt hat noch alle Voraussetzungen, um aus Gaben Erfolge werden zu lassen.

Gestatte mir dennoch die folgende Anmerkung: Inwiefern ist ein Freigeist noch ein Freigeist, wenn er sich allein unter Seinesgleichen bewegt? Sind sich nicht gerade in den „angesagten“ Bezirken die Menschen in ihrer betonten Individualität am Ende doch alle gleich?
Das könnte man natürlich meinen. Wer aber hier lebt merkt recht schnell, dass hier ein weites Spektrum an Pluralität vorherrscht! Hier können Menschen miteinander echt noch etwas reißen, auch wenn sie ethisch oder politisch vollends anderer Meinung sind. Dies ist eines der Dinge, die ich an Berlin ganz besonders mag! Berlin ist nicht nur schwarz und weiß, sondern hält ein buntes Spektrum an Meinungen und Lebensformen aus. Natürlich ist Berlin aber in dieser Hinsicht nicht einfach Berlin. Ähnlich wie in Frankfurt umgibt man sich auch hier bevorzugt mit den Menschen, mit denen man sich identifizieren kann. Wie viel Kontakt haben dort beispielsweise Bornheimer und Nordendler mit den Menschen aus Harheim oder Bonames?

Herzlich wenig, denke ich. Vielleicht haben wir hier eine Analogie gefunden. Nun plädierst du aber nicht vorrangig für Diversität - vor allem nämlich machst du Musik und veröffentlichst demnächst dein viertes Album. Fühlst du dich als Musiker in Berlin denn von all den anderen Musikern um dich herum inspiriert? Wurde hier nicht eine jede deiner Ideen nicht schon von tausend anderen erdacht? Eine Wohnzimmer-Konzertreihe wie das von dir in Frankfurt organsierte „OHRWURM“ dürfte hier doch eher auf allgemeines Gähnen stoßen…
Ich finde schon, dass ich auch die Berliner mit meinen Ideen erreichen kann. Gerade sie nehmen Einfälle mit Kusshand an, gerade weil sie eine entsprechende Offenheit leben. Andererseits erleben sie Ideen weitaus weniger als bahnbrechend oder avantgardistisch, als das in Frankfurt der Fall wäre. Zum Beispiel hatte ich einmal die Idee, ein „Klangmuseum“ zu errichten – eine Galerie, in der man ausgesuchte Klänge konserviert und für Besucher ausstellt. Dann aber spazierte ich eines Tages durch Neukölln, und was entdeckte ich dort? Genau, ein Klangmuseum. Ich muss zugeben, dieses Erlebnis hat mich etwas deprimiert: Ideen sind hier oftmals nichts Neues. Ich sorge mich seitdem tatsächlich öfters darüber, die Menschen nicht zu langweilen.

Nickel scheint Probleme mit seiner Pfeife zu haben. Er klopft den Kopf aus, stochert mit dem Pfeifenreiniger ein wenig umher und greift abermals zum Tabak. Wenig später kann der Autor wieder ein angenehmes Kirscharoma erschnüffeln. Er selbst schwört aber weiterhin auf Menthol-Zigaretten.

Ich liebe Frankfurt ja vor allem dafür, dass hier noch nicht jeder Gedanke zu Tode gedacht wurde, dass hier auch kleine Ideen noch für eine Menge frischen Wind sorgen können und noch längst keine Langeweile entsteht. Frankfurt hat noch Potential und Luft nach oben. Berlin auch?
Ja, die Konkurrenz ist größer in Berlin. Aber gerade in der Kunst geht es doch nicht um Wachstum oder Effizienz. Vielmehr geht es darum, sich immer wieder neu zu entdecken und zu erfinden. In diesem Sinne ist Kunst auch in Berlin niemals erschöpft! Allerdings wird es auch hier zunehmend schwieriger, mit der eigenen Kunst Geld zu verdienen. Weil das nicht immer gelingt, gehen vielleicht auch viele Menschen in Berlin unter. Gerade in Berlin merkt man schnell, dass man in der Gesellschaft niemand Besonderes ist und irgendwelche Anderen immer besser sind.

Für Narzissten kann die Hauptstadt mitunter nervig sein, die sind woanders wohl tatsächlich besser aufgehoben. Wenn man aber einfach nach Berlin geht, weil man Bock auf die Menschen hat – dann haben sie in der Regel auch Bock auf dich. Auch, wenn sie dich nicht in den Himmel feiern. Man sollte keine zu hohen Erwartungen haben – sonst prallt man recht hart auf dem Boden der Berliner Realität auf.

In Frankfurt dagegen verhält es sich ein wenig anders: In der Regel haben die Menschen keine Erwartungen an die Stadt, sind aber umso erfreuter über all das, was sie auf den zweiten Blick in der Mainmetropole entdecken können.

 Ob in Frankfurt oder Berlin:  Am Klavier fühlt sich Nickel am wohlsten.  (Foto: behindthescenes berlin)

Die Erkenntnis also, dass auch Berlin nicht jeden Traum erfüllen kann. Was nervt dich sonst noch so an der Hauptstadt?
Vor allem die Erfahrung, dass viele Menschen nur zunächst voneinander begeistert sind. „Du bist so ein cooler Typ, so ’ne talentierte Sau, lass‘ uns doch was starten“ – das hört man oft, aber danach passiert einfach nichts. Die Leute hier denken oft nur kurzfristig, hangeln sich nur von Projekt zu Projekt. Absichten bleiben Absichten, die Hoffnung des Einzelnen bleibt übrig. Die Hoffnung darauf, dass in Berlin irgendwann doch noch alles gut wird. Genau das wird Berlin noch lange auszeichnen – der Traum davon, dass aller Ernüchterung dann doch irgendwann das große Glück folgt. Man ist hier nie fertig, man befindet sich hier stetig im Werden.

Gibt’s denn auch etwas, das dich an Frankfurt hart genervt hat?
Hmmm… In Frankfurt ging mir auf den Sack, dass die Menschen selten selbstbewusst bezüglich ihrer Stadt auftraten. Hey, die Leute haben doch allen Grund, Frankfurt geil zu finden!

Da bilde ich wohl eine Ausnahme, höhö. Nun hast auch du kein Klischee gescheut und bist in eine Wohnung direkt in Mitte gezogen. Wir haben eben schon einen kleinen Spaziergang unternommen und sind sowohl Sojamilch als auch Hipstern, Startup-Büros, Touristen und wahrscheinlich auch Schwaben begegnet. Hand aufs Herz: Ist dein neuer Wohnort nicht längst nur noch eine Karikatur seiner selbst? Wie vielen Einheimischen begegnest du in deinem Alltag noch?
Um das mal klarzustellen: Ich begegne in Berlin viel mehr Einheimischen, als ich es in Frankfurt getan habe. Und zwar deutlich! In „Mitte“ gibt’s auch gar nicht mal so viele Schwaben, die findet man dafür umso mehr am Prenzlauer Berg.

Und wie reagieren die Einheimischen, wenn du ihnen gegenüber erwähnst, dass du aus Frankfurt bist?
Sie rollen die Augen, wirklich. Ohne dass sie wissen, dass sie keineswegs so international aufgestellt sind wie Frankfurt. Frankfurt wird zwar als Großstadt wahrgenommen, aber keinesfalls als eine sonderlich bewundernswerte.

Ist denn der durchschnittliche Berliner tatsächlich offener gegenüber seiner Mitmenschen als der gemeinhin für recht kühl gehaltene Frankfurter?
Nein. Frankfurter haben Herz!

Ich muss ja immer schmunzeln, wenn ich die als so aufmüpfig geltenden Berliner brav vor roten Ampeln warten sehe, während sie mit der Hand ein Wegbier umklammern. Wir Frankfurter verhalten uns beim Überqueren von Straßen ein wenig pragmatischer: Wir laufen drüber, wenn ein Auto kommt und bleiben stehen, sofern ein Tod durch Zusammenprall droht. Mit dem Trinken haben wir es dafür nicht so eilig; wir warten damit, bis wir in der Wirtschaft angekommen sind. Unter uns Pfarrerstöchtern: Was läuft da schief mit den Berlinern?
[lacht und nimmt einen tiefen Zug aus seiner Pfeife]
Das kann ich dir erklären. In Berlin herrscht so viel kreatives Chaos, dass zumindest auf der Straße eine gewisse Ordnung benötigt wird.

Ich persönlich schätze weiterhin die Anarchie des Frankfurter Straßenverkehrs. Desweiteren liebe ich an meiner Stadt, dass sie so leicht zu handlen ist: Die ganze Welt auf kleinstem Raum, selbst mit dem Fahrrad gelange ich in kurzer Zeit vom einen Ende der Stadt zum anderen. Berlin dagegen ist schlicht: riesig. Verlierst du dich nicht regelmäßig in der Gigantomie dieser Millionenstadt?
Ganz klar nein, denn ich habe ja meine Orte, die ich wieder und wieder besuche. Meine Freunde, die ich hier gefunden habe. Klar, man bleibt hier in seinem Kiez, weil es keine wirkliche Stadtmitte gibt – und dennoch bin ich gerne auch hin und wieder mal in Kreuzberg, weil dort eine andere Atmosphäre vorherrscht und ich frischen Spirit atmen kann. Aber auch das ist keine Weltreise entfernt! Was es bei Berliner Wegen braucht, ist allein ein guter Podcast im Ohr.

Wenn du nicht gerade am Hausbier nippst widmest du dich der Musik. Dein viertes Album befindet sich kurz vor der Veröffentlichung. Hätte dieses in Frankfurt genau so entstehen können? Inwieweit hat Berlin deine Musik beeinflusst?
Das ist eine sehr gute Frage!

Danke, ich weiß.
Ich würde sagen, dass Berlin meine Musik noch einmal auf einen gänzlich anderen Level gehoben hat. Ich würde auch sagen, dass ich hier Menschen getroffen habe, die meine Arbeit deutlich beeinflussen. Vor allem aber haben mich Stadtbeschaffenheit und Architektur derart beim Schreiben neuer Stücke inspiriert, wie es in Frankfurt nie geschehen wäre. Das muss ich ganz klar sagen. Berlin ist eine Stadt, die mich in meiner Kunst sehr viel weiter gebracht hat!

Nun ist ja Arbeit auch nicht alles: Auch das Feiern muss ja hin und wieder sein. Inwiefern feiert Berlin anders oder besser? Und jetzt komm‘ mir bitte nicht mit dem Berghain!
Oh, doch! Gerade mit dem Berghain muss ich dir gleich kommen! Ich muss aber dringend Bier trinken, um an dieser Stelle eine Antwort geben zu können.

Nickel nimmt einen energischen Schluck aus seinem Glas, bevor er sich in Rage redet. Die Frage scheint ihn aufzuwühlen. Einen tiefen Zug aus seiner Pfeife später versucht er, sich zu artiku
lieren.

Äääääh… ja?
Ich hasse, oh nein – ich mag diese Arroganz des Berliner Nachtlebens nicht. Ich fühle mich abgewiesen. Und das betrifft nicht nur das Berghain!

Abgewiesen? Wieso das denn?
Ja, weil ich halt nicht reinkomme! Ich bin neulich mit zwei Freunden zum Berghain gefahren. Es gab keine Schlange, wir waren alleine. Und trotzdem sind wir abgewiesen worden! Danach haben wir unser Glück in einem anderen Club versucht, nur um erneut abgewiesen zu werden. Danach musste ich am Späti erst einmal ein Bier trinken, bevor ich unverrichteter Dinge nach Hause gefahren bin. Das hat mich wirklich sehr tief getroffen und es strengt mich an, das nicht persönlich zu nehmen. Ich vermute aber stark, dass mein Kumpel mit dem Polohemd schuld an dem Dilemma war. In Frankfurt kommt man einfach rein und hat eine gute Zeit, alles ist viel lockerer!

Vom Feiern einmal abgesehen: Denkst du denn noch oft an Frankfurt zurück?
Ja, ich musste bei der Erinnerung an deine Stadt sogar schon einmal weinen. Ich fühle mich auch heute noch mit Frankfurt sehr verbunden und pflege eine gewisse Nostalgie. Ich liebe diese Stadt und denke oft an sie zurück, kann aber sehr gut trennen: Ich hatte damals eine richtig gute Zeit, heute aber fühle ich mich auch in Berlin sehr wohl.

Gibt es denn etwas an Frankfurt, das du ganz besonders vermisst, wenn du in deinem spottbilligen zentralberliner Apartment liegst?
Frankfurt, das hast du bereits erwähnt, hat wirklich kurze Wege. Und die fehlen mir schon! An jeder Straßenecke jemanden zu treffen, den ich kenne, das vermisse ich schon sehr. Außerdem liebe ich an Frankfurt die Symbiose von Tradition und Moderne. Ich glaube, diese macht Frankfurt wirklich einzigartig.

Das hast du schön gesagt. Ich frage nun mal andersrum:  Was kann Frankfurt von Berlin lernen?
[überlegt kurz und zieht an seiner Pfeife]
Man könnte sich einfach mal mehr Zeit dafür lassen, irgendwelche neuen Dinge zu bauen. Stichwort „BER“ – auch Neubauten in Frankfurt könnten doch zum Museum werden! Ansonsten aber sollte Frankfurt keinesfalls ein „neues Berlin“ werden, so wie das ein gewisser Matthias Grün immer postuliert. Vielmehr sollten viele Leute dort einfach ein bisschen lockerer werden. Das würde ja schon reichen!

Unser Flughafen läuft tatsächlich recht gut. Man munkelt gar, dort starteten regelmäßig Maschinen! Es sind andere Dinge, die meine Stadt zur Zeit beschäftigen. Vor  allem natürlich die Eröffnung der neuen Altstadt und die Existenz der Wasserhäuschen – die Pacht der Inhaber wurde zuletzt massiv erhöht. Was beschäftigt Berlin?
Wenn man mit den Leuten hier redet, sind sie vor allem vom Thema der Mieten beschäftigt – auch wenn wir von Frankfurter Dimensionen noch weit entfernt sind. Außerdem, so einfallslos das auch klingt: Da ist ein Flughafen, der seit einer gefühlten Ewigkeit brach liegt und die Menschen sehr beschäftigt. Mich ganz persönlich beschäftigt allerdings, dass so viele Berliner REWE-Märkte schließen. Außerdem gibt es ständig Polizei-Einsätze wegen jedem Scheiß, sodass meine Bahn nicht kommt und ich nicht weiß, wie ich nach Hause kommen soll.

„RAVE statt REWE“ – das also ist Berlin?
So sieht’s aus, genau!

Frankfurt hat das Mainufer, eine Skyline und die Kleinmarkthalle. Was hat denn überhaupt Berlin? Fühlt es sich genauso geil an, `ne Molle an der Spree zu zischen und einen Blick auf die Museumsinsel zu werfen, wie die Füße am Mainkai baumeln zu lassen und beim Apfelwein die Strahlen der untergehenden Sonne in den Fassaden der Skyline zu beobachten?
Jaja, diese Skyline und das Mainufer… Berlin ist ganz klar weitaus dezentraler angeordnet. Im Vergleich zu Frankfurt mag ich aber die einzelnen Straßenzüge und –ecken hier nochmals viel mehr! Auch die Spree ist ein schöner Anblick, wenn auch nur an recht verstreuten Orten. Die Seenlandschaft um Berlin herum wiegt aber jegliche Zentralität von Frankfurt auf. In Berlin brauche ich – das kann ich jetzt so sagen! – keine Skyline, um einen Anblick zu genießen. Es sind die Straßenzüge, oft gesäumt von wunderschönen Altbauten, die mich immer wieder in ihren Bann ziehen. Ein Prost auf das Berliner Stadtbild! [Gläser klirren]

Prost! Aber nun einmal weg vom Bier hin zu den harten Sachen: Frankfurt ist ja gemeinhin als „Drogen-Hauptstadt“ bekannt. Doch verrate mir doch ganz ehrlich: Gibt es in Berlin überhaupt noch Parks, in denen man noch einfach mal fünf Minuten lang die Seele baumeln lassen kann, ohne gleich ein buntes Potpourri von Drogen angeboten zu bekommen?
Hahaha. Wie überall, sollte man sich eben auch in Berlin nur an ausgewählten Orten aufhalten. Klar bekommst du im Mauer- oder Görlitzer Park unaufgefordert jede Menge Drogen angeboten. Wenn du das nicht willst, geh’halt nicht hin! In den Parks, die ich liebe, findet man statt Dealern jedenfalls eher Leon und Maxime mit einem veganen Mandelblüten-Muffin vor!

Vegane Mandelblüten-Muffins? Ooooh, that’s so Berlin! Aber noch mal zu Frankfurt: Meine Stadt verfügt ganz offiziell über den höchsten Migrantenanteil der Republik: Das Zusammenleben wird in meiner Stadt überwiegend als Bereicherung angesehen. Wie verhält es sich deiner Erfahrung nach in Berlin? Ich lese ja immer wieder von arabischen Großfamilien, die das Berliner Pflaster recht unsicher erscheinen lassen… 
Dem muss ich jetzt aber energisch widersprechen! Ich wohne nun zwar im Bezirk Mitte, welchen ich als recht europäisch und sehr sicher empfinde. Ich habe aber auch Freunde aus Neukölln, die das dortige Zusammenleben als überaus harmonisch und weltoffen beschreiben. Ich selbst habe aber tatsächlich schon Zeuge einer Messerstecherei in Neukölln werden müssen. Das war schon krass! Trotzdem empfinde ich dem Berliner Alltag als sehr sicher; auch, weil ich mich natürlich nicht in düsteren Kreisen umhertreibe.

Zum Abschluss nun die Frage aller Fragen: Wann kommst du zurück nach Frankfurt?
Am ersten August 2019. Vielleicht.

Vielleicht? Kann ich dich beim Wort nehmen?
Mein Traum ist es ja bis heute, sowohl eine Wohnung in Frankfurt als auch in Berlin zu haben. Dieser Traum wird aber wohl niemals in Erfüllung gehen. Doch lebe ich ja in der Stadt der Hoffnung! [lacht]

Aber noch ist ja auch dein neues Album nicht erschienen!
Das stimmt allerdings, hehe. Wir werden sehen, was die Zeit bringt!

Der Autor bedankt sich für das Gespräch. Der weitere Abend soll der Freundschaftspflege gelten. Michael Nickel kennt da einen „Späti“ in der Nähe, in dem man sogar sitzen könne. Das, denkt sich der Fragensteller, gibt’s in Frankfurt bislang leider nicht. Auf dem Weg dorthin gelingt es ihm nur mit Mühe, an roten Ampeln zu warten.

Lust auf Neoklassik?

Die Musik von Michael Nickel findet ihr auf
iTunes oder Spotify.

 
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