Bretter, die Welten bedeuten: Der Mousonturm

Bretter, die Welten bedeuten: Der Mousonturm

 

Das Licht flackert, eins, zwei, bevor es den Raum tränkt. Ein in kräftigem Grau gekleideter Saal, begrenzt von vier Wänden, Decke und Boden, offenbart sich, wo vorher Dunkelheit war. Der Raum, eher die Idee eines Raums, beherbergt die Hauptbühne des Künstlerhauses Mousonturm im Ostend. So kahl, reduziert auf die nötigsten Attribute des Räumlichen präsentiert er sich den Gästen nur selten. „Wir nutzen die Spielpause für Instandsetzungsarbeiten, die im laufenden Spielbetrieb nicht möglich sind“, erklärt Gabriele Müller, die hier seit den frühen Nullerjahren als Sprecherin des Hauses arbeitet. Die eigentliche Bühne ist abgesenkt, versteckt im Boden. Die Bestuhlung, eine raffinierte Teleskopstruktur, ist vis-à-vis der Spielfläche entlang der und bis zur rückseitigen Wand eingefahren. Auch hier: Was bleibt, ist lediglich die Idee des Zuschauerraums.

Seit drei Jahrzehnten leistet der Mousonturm in der Waldschmidtstraße Speerspitzen-Arbeit. Jeder Stein auf den weiten Feldern zwischen Kunst und Kulturpolitik wird umgedreht. Nichts, das nicht auf den Prüfstand gehört. Eine bunte Leuchtschrift ziert die Klinkerfassade:

“The future will be confusing”

Das muss sie sein, in einer Gegenwart, die alles Zukünftige in Frage stellt.

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Untergebracht auf dem Gelände einer ehemaligen Seifenfabrik, zeugt heute nur noch der 33 Meter hohe Turm - Frankfurts erstes Hochhaus - von der industriellen Vergangenheit. Über hundert Jahre wurden in den Werken Parfüms und Cremes gefertigt, bis der Betrieb verlegt und die Gebäude abgerissen wurden. In dem Leerstand sah Dieter Buroch, damals Künstler, die Chance: Mit einem neuntägigen Festival in der kurzum besetzten Ruine zeigte er, was möglich ist, wenn man Kunst einen Raum überlässt. Das war 1977. Eine Dekade verstrich, bis der kürzlich verstorbene Hilmar Hoffmann, der prägendste deutsche Kulturpolitiker im Nachkriegsjahrhundert und Frankfurter Kulturdezernent, Burochs Bemühungen adelte und ihn zum Intendanten des Hauses mit der “Verpflichtung zum Erfinden” berief. Buroch trug diese Verantwortung, bis er Ende 2011 in den Ruhestand ging. Heute führt Matthias Pees das Haus.

Auf über 4000 Quadratmetern ist der Turm bis unters Dach mit Kultur gefüllt. “Wir sind nicht nur Aufführungsort, sondern auch Probenort. Künstler können hier ihre Produktionen, angefangen von der ersten Idee, entwickeln”, so Müller. Es gibt Probebühnen, eine Werkstatt, Garderoben, sogar Gästeappartments. Und auch damit nicht genug: “Unser Aktionsradius erstreckt sich über diese denkmalgeschützten Mauern hinaus.

“Die Stadt, die Region verstehen wir ebenso als Bühne, wie den Theatersaal hier im Haus.”

Zeitgenössisch, international, kühn - der Mousonturm spürt den vermeintlich fixen Grenzverlauf aktueller Kunst-Debatten auf. “Wichtig ist uns dabei auch, dem Publikum verschiedene Vermittlungsformate anzubieten”, so Müller. Nachbereitung, Austausch, Plenum, Plattform: Die Offenheit nach allen Seiten macht den Mousonturm zu einem wichtigen Kultur-Laboratorium der Gegenwart. Das Verständnis dessen, was Theater, was Tanz, was Performance ist, wird hier immer neu verhandelt. Und auch, was das Zuschauer-Künstler-Verhältnis ausmacht, steht im Mousonturm zur Debatte. So fördert das Haus die Bildung neuer Sehgewohnheiten und letztlich eine ständige Auseinandersetzung mit dem Verständnis dessen, was Kunst sein kann - für Künstler und Gast.

“Kultur für alle” in ambitionierter Form.

 
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