Frankfurts kunterbunte Kuriositäten: Das Rätsel um die Töpfchen

Frankfurts kunterbunte Kuriositäten: Das Rätsel um die Töpfchen

 

Um immer wieder die spannendsten, aufregendsten und schönsten Ecken für euch zu entdecken, laufen wir von Frankfurt, du bist so wunderbar naturgemäß mit ganz besonders weit geöffneten Augen durch die Stadt. Hin und wieder stolpern wir dabei aber auch über Dinge, die uns ein großes Fragezeichen ins Gesicht schreiben. Winzige und riesig große Skurrilitäten, die uns nur denken lassen als: “What the f**k?”

Zurück in der Redaktion geht dann das heitere Rätselraten los: Wir mutmaßen, was es mit unseren Fundstücken wohl auf sich haben könnte und überbieten uns mit hanebüchenen Theorien. Doch wären wir nicht das beste Team der Stadt, würde nicht unsere Neugierde dann doch am Ende siegen und uns bei unserem journalistischen Ehrgeiz packen! In loser Folge wollen wir euch künftig an unseren obskuren Entdeckungen teilhaben lassen. Dabei wollen wir nicht nur mittels investigativer Recherche unserem Bildungsauftrag gerecht werden, sondern euch auch ein klitzekleines bisschen schlauer werden lassen. Seid ihr bereit?


Die Einmachgläser vom Rossmarkt

Den Auftakt unserer Serie bildet gleich eine ganze Ansammlung von mysteriösen Töpfchen, auch denen auch ihr mit Sicherheit schon unzählige Male vorbei gelaufen seid, ohne Notiz von ihnen zu nehmen. Auch bei uns hat es ein paar Jahre lang gedauert, bis wir den eigenwilligen Pavillon am Rossmarkt mal ein wenig genauer unter die Lupe genommen haben.

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Der eigenartige Klotz, gemacht aus viel Metall und wenig Holz, wurde über den Abgang einer Fußgängerunterführung gesetzt. Diese wurde allerdings selten genutzt und war schon in den Achtzigern dem Verfall preisgegeben. Als der Techno-Club “U60311” (die alten Hasen unter euch erinnern sich bestimmt!) in die unterirdischen Räumlichkeiten einzog, fungierte der nunmehr überbaute Treppenbereich als Eingangsbereich des Clubs. Seit das “U” aber, wie die Frankfurter den Techno-Tempel nur nannten, im Sommer 2012 unter unschönen Umständen die Pforten schloss, scheint sich niemand mehr richtig für die Konstruktion zuständig zu fühlen.

Nach einer kurzen Zwischennutzung als Wurstbude ist der Pavillon nun weitgehend sich selbst überlassen und ist mal mehr und mal weniger “verziert” von Schmierereien und Plakaten. Hin und wieder aber, da liegen die Glasfassaden an den Seitenwänden frei. Und schaut man mal ganz genau hin, dann kann man es entdecken: Das Sammelsurium verschiedenster Töpfchen zunächst nicht zu identifizierenden Inhalts. Handelte es sich bei diesem um Marmeladengläser voll Couscous, hatten hier Hundebesitzer den Kot ihrer Lieblinge konserviert?

Schnell war klar: Dieser Sache galt es auf den Grund zu gehen. Unser Spürfuchs Matze, seines Zeichens großer Fan der Drei Fragezeichen und der TKKG-Bande, schien prädestiniert für die anstehende, schweißtreibende Detektivarbeit.


Aufzuchtstation von Aliens - oder vergessenes Vorratslager?

Zunächst versuchten wir, durch das Rätsel durch eigene Erklärungsversuche zu lösen. Verschiedene Denkansätze kamen zur Diskussion: Könnte es sich bei den Töpfchen vielleicht um ein Lager von Frühstücks-Cerealien oder Keksen handeln, die irgendwie vergessen wurden und deren Haltbarkeitsdatum schon in den frühen Siebzigern überschritten wurde?

Oder aber handelte es sich um eine vergessene Wanderausstellung des Senckenberg-Museums, die in Formaldehyd konservierte Babys irgendwelche Außerirdische präsentierte? Oder aber, ganz banal:
Hatten die Türsteher des ehemaligen Techno-Clubs hier die Drogen eingelagert, die sie ihren Gästen beim Einlass abgenommen hatten?

Machen wir es kurz:
Keine unserer Erklärungsansätze konnte uns nachhaltig überzeugen. Hilfe von außen tat not, genauer: Hilfe vom Amt.

Amtliche Ratlosigkeit

Und wer könnte schon besser wissen, was auf Frankfurter Pflaster so los ist, als die Stadt Frankfurt selbst? Ein kurzer Anruf wähnte unseren Detektiv auf gutem Wege: Das Amt für Straßenbau und Erschließung wusste doch ganz sicher, was es mit den merkwürdigen Exponaten wohl auf sich hat. Eine Anfrage per E-Mail war schnell formuliert, eine Antwort darauf erfolgte - nicht. Es folgten mehrere Nachfragen per Telefon, Matzes Journalistenherz pulsierte auf 180. Ende der Geschichte: “Nein, da können wir nicht weiterhelfen. Bitte wenden Sie sich an den Eigentümer.”

Doch dieser ist nicht leicht auszumachen. Der ehemalige Betreiber des Clubs begab sich ins Insolvenzverfahren, nach einer zwischenzeitlichen Pfändung scheinen die Eigentumsverhältnisse der Räumlichkeiten nunmehr diffus. Ein konkretes Nutzungsvorhaben liegt nicht vor.

Nun sind wir endgültig angefixt - doch weder das Historische Museum (“äh, welche Töpfchen?”) noch “gutefrage.net” können uns weiterhelfen.. Zahlreiche schlaflose Nächte später jedoch liefert uns Kommissar Google (es gibt natürlich noch viele andere tolle Suchmaschinen, wie Lycos, Altavista oder Bing!) einen heißen Tipp.


Verkehrsgeschichtliche Relikte? Ein erster Verdacht kommt auf…

Eine hartnäckige Online-Recherche spült unserem Fuchs einen Artikel des Architektur-Magazins “Bauwelt” auf den MacBook (Hipster, Hipster!). Laut diesem handelt es sich beim Inhalt der Töpfchen um Erdproben aus der Zeit der Planung des Frankfurter U-Bahn-Baus. Hatte man in den Gefäßen, die entfernt an Einmachgläser erinnern, tatsächlich Erde eingelagert? Hier sollte doch die Verkehrsgesellschaft Frankfurt (VGF) weiterhelfen können. Denkt sich unser Matze - und schreibt mal wieder eine E-Mail. Ein Telefonat und ein Verweis auf das Verkehrsmuseum Frankfurt folgen.

Die folgenden Wochen sind geprägt von einem sonntäglichen Ritual: Da das Museum nur am siebten Wochentage geöffnet hat, ist telefonisch auch nur an ebendiesem jemand erreichbar. Ein Experte für die Geschichte der Frankfurter U-Bahn, so wird versichert, befinde sich ganz sicher unter den Mitarbeitern des Museums. Es folgen Sonntage auf Sonntage, Anrufe und Anrufe, bis dann auch das VGF-eigene Museum eingestehen muss, dass es unserem Detektiv nicht weiterhelfen kann. Von der Existenz etwaiger Erdproben weiß man dort nichts.


Frag’ doch mal den Architekten!

In einem Akt letzter Verzweiflung klammert sich Matze an den letzten Strohhalm in Form des Autors des im Jahr 2012 erschienenen Artikels in der Fachzeitschrift. Dieser würde seine Behauptungen doch hoffentlich verifizieren können? Auch sieben Jahre später erinnert sich dieser zum Glück noch gut an sein Werk: Florian Thein antwortet innerhalb weniger Stunden und empfiehlt, Kontakt zum Architekten des Pavillons aufzunehmen - Bernd Mey, seines Zeichens Geschäftsführer der Architektei Mey GmbH.

Gesagt, getan. Am Telefon zeigt sich der gestalterische Vater des Pavillons erfreut und aufgeschlossen gegenüber unserer Neugierde. Er erzählt von der Zeit des Umbaus der Unterführung, die im Jahr 1998 längst geschlossen und mit Holzplanken verrammelt war. Er hatte damals den Auftrag erhalten, den Treppenabgang zu überdachen und zu gestalten.

Die unterirdischen Räumlichkeiten präsentierten sich ihm vor der Sanierung in einem verfallenen Zustand. Während einer Begehung der beiden Tiefebenen fand Mey nicht nur Lüftungsanlagen und Technikräume vor, sondern eben auch unzählige durchsichtiger Töpfchen. “Das mussten Tausende gewesen sein!”, erinnert sich der Architekt. Diese waren tatsächlich als Probe-Bohrungen aus dem Erdreich für den Tunnelbau der U-Bahn deklariert. Die meisten seien anschließend weggeschafft worden, einige davon hat sich Mey aber gesichert. “Ich wollte sie als gestalterisches Element in der Fassade des Pavillons” einsetzen, erzählt er. “Wie ich auch aus den Holzbohlen, mit denen die Unterführung vernagelt war, Fassadenteile gefertigt habe.”

Ganz bewusst seien sie hinter den matten Glasscheiben des Pavillons gestapelt worden – zum einen, weil sie einen schönen Bezug zum “Untergrund” herstellten, der am Ende der Treppen begann. Zum anderen aber auch, “damit Menschen neugierig werden, auch mal bewusst stehen bleiben”, wie uns der Architekt verrät.

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Zumindest in unserem Falle ist ihm diese Absicht auch gelungen. Doch auch Ende des letzten Jahrtausends wurde schon kontrovers über den Pavillon diskutiert, wie sich Mey erinnert. “Viele Frankfurter fragten sich, was das eigentlich soll – und empfanden den Pavillon als hässlich.”

Umso bemerkenswerter, dass dem Konstrukt im Jahr 1999 nicht nur sowohl der “Bauwelt-Preis” als auch die “Auszeichnung des Landes Hessens für vorbildliche Bauten” verliehen wurde – sondern noch vier weitere Architekturpreise folgen sollten. “Da kam ein schöner Boomerang zurück!”, freut sich Mey auch heute noch.

Unser erster Fall ist gelöst

Wir indes freuen uns darüber, das Geheimnis hinter den Töpfchen endlich gelüftet zu haben. Wenn wir am Rossmarkt vorbeikommen, huscht uns neuerdings ein wissendes Lächeln übers Gesicht. Und euch von nun an hoffentlich auch!

Auch das Verkehrsmuseum haben wir indes über unsere Forschungsergebnisse informiert. Vielleicht mag zumindest ein paar der Töpfchen als Zeugnisse der Verkehrsgeschichte unserer Stadt eine gebührende Heimat geben. Wir halten euch auf dem Laufenden.

Matze atmet derweil erst einmal ein wenig durch und sammelt Kraft – die kann er nämlich gebrauchen. Das nächste Rätsel schreit bereits nach Aufklärung!

 
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