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Im Gespräch mit: Shantel

Shantel Interview

Es war in den 80ern oder 90ern. Ein Mann in seinen 30ern oder 40ern kauft einer türkischen Familie ein gebrauchtes Auto ab. Darinnen: Ein Kassettenrecorder inklusive Tape. Darauf: Irgendeine türkische Popmusik, vielleicht aus den 70ern. „Eine Art Folklore, die aber in die Moderne adaptiert wurde. Mit Synthesizer und Drum-Computer und so.“ Das Auto mit dem Kassettenrecorder war per Erwerb an Stefan Hantel übergegangen, die Musikkassette vermeintlich nur per Zufall. Der Käufer, Hantel, ist mittlerweile berühmt. Zusammen mit Hans Zimmer und Emil Mangelsdorff zählt er zu den größten Frankfurter Musik-Exporten aller Zeiten. Als Shantel ist der Performer bekannt bis in ferne Ecken der Welt.

Die türkische Popmusik, die Hantel als Überbleibsel in seinem Gebrauchtwagen vorfand, bleibt hierzulande eher unentdeckt. Warum eigentlich? Weil wir starrsinnig in Kategorien denken, sagt Shantel. Mauern trennen Menschen, Vereindeutigung entzweit und das Beharren auf kulturelle Identität verhindert sozialen Fortschritt. Wir führen eine große Debatte über Migration und Identität, jonglieren dabei mit Begriffen wie Rassismus und Ausgrenzung. Der Diskurs selbst bleibt dabei immer sehr abstrakt und kalt. Wie fühlen die Menschen? Was bewegt und was verbindet sie? Fragen, die offen bleiben, weil sie niemand stellt.

Emotionen – ein Herzstück im Mosaik, das den Künstler Shantel ausmacht. Immer wieder kommen wir darauf zu sprechen. Seine Musik soll verbinden. Und das hat sie bislang auch immer. Sie verbindet allein Abermillionen Hörer und Viewer auf Spotify und YouTube. Seine epochenmachende Platte „Disko Partizani“ hat mehrfach Platin abgeräumt. Zu hören ist Shantel nicht nur in den Borat-Filmen, sondern auch in den Filmen der Regisseure Fatih Akin und Dani Levy. Das Einzige, was bei Shantels Musik nicht verbunden bleibt, sind die Füße und der Boden. Shantel ist Tanzpflicht.

Aktuell jedoch ist der Künstler, der in allem das Gemeinsame sucht, selbst getrennt – von seinem Publikum. Seit März 2020 lebt Stefan Hantel ein coronabedingtes Sabbatical. Keine Gigs, keine Tour – jedoch kein Verzagen. Warum er die Krise als Chance begreift, wie Dilettantismus zu Erfolg führt und was Frankfurt dringend lernen muss – das erzählt Shantel im Interview.

Wer Shantel live erlebt, der erlebt eine Form von purer Energie, der man sich kaum entziehen kann. Als Gesprächspartner ist Stefan Hantel demgegenüber ist ein sehr überlegter, besonnener und ruhiger Typ. Wie passt das zusammen?

Ich bin beides: Introvertiert und extrovertiert. Ich finde es sehr angenehm und auch praktisch, beides in Balance leben zu können. Aber klar, bei der Bühnenfigur Shantel spielt auch eine gewisse Koketterie mit.

Wie bringst Du diese Power auf?

Ich liebe meinen Beruf. Für mich ist eine Performance kein Kraftakt, ich muss dazu keine Anstrengung aufbringen. Im Gegenteil: Ein Konzert zu spielen, bedeutet für mich Freiheit.

Inwiefern?

Bei einem Auftritt findet Kommunikation statt – zwischen dem Publikum und mir. Das ist befreiend und gleichzeitig eine hoch emotionalisierte und sehr empathische Angelegenheit.

Welche Form von Empathie erlebst Du in solchen Live-Momenten?

Im besten Fall erreiche ich in meinen Konzerten eine Art allumfassenden Seelenzustand, eine Verschwesterung und Verbrüderung mit Menschen aller Herkunft. Hierbei empfinde ich es als Privileg, in vielen verschiedenen Ländern aufzutreten. Musik ist ein nonverbaler Austausch und es ist egal, wo auf der Welt die Bühne ist.

Das heißt, eine Bühne ist für Dich nicht nur etwas wo man drauf steht, sondern…

Genau. Die Bühne ist eine Plattform für die Transformation von Gefühlen. Live zu spielen, gibt mir Energie. Es elektrisiert mich, anstatt mir Kraft zu rauben. Wenn mich das Reisen anstrengen oder Auftritte mich erschöpfen würde, hätte ich wahrscheinlich den falschen Beruf.

Das alles sagst Du als Performer, der auf eine über dreißigjährige Laufbahn zurückblickt. Wie hat das alles für Dich angefangen?

Das war ‚learning by doing‘. Mein Plan war nie, Musiker zu werden. Ich wollte visuell arbeiten, habe Grafikdesign studiert. Ich habe zwar immer Musik gemacht, hätte mir aber nie gedacht, dass ich davon mal leben würde. Die Vorstellung allein habe ich früher für komplett unseriös gehalten.

Wieso unseriös?

Weil Musikmachen etwas Handwerkliches ist. Und darin habe ich mich immer schwer getan, mich als Dilettant gefühlt. Ich habe als Kind Gitarrenunterricht gehabt, wobei klar wurde, dass es mir an Virtuosität fehlt.

Ist dieser Dilettantismus etwas, was Du dir bewahrt hast? Guter Trash ist ja eine feine Sache…

Ja, tatsächlich halte ich sehr viel vom Charme des Unperfekten – und wenig davon, eine Show oder eine künstlerische Identität am Reißbrett zu kreieren wie eine Excel-Tabelle. Musik muss in meinen Augen immer einem Leben und damit einem Lebensgefühl folgen.

Du lebst und arbeitest in Frankfurt. Wie sieht denn Dein Lebensgefühl hier so aus?

Mein Lebensgefühl hier war immer geprägt von Dingen, die ich in Frankfurt nicht hatte oder vermisst habe. Das treibt an. Was mir hier gefehlt hat, das habe ich mir dann eigentlich immer selbst erfunden.

Zum Beispiel?

Sehnsüchte. Als junger Mensch träumt man vielleicht vom Mediterranen, von warmem Klima und dem Meer. Ich habe als Frankfurter Künstler immer versucht, Orte zu schaffen die Menschen zusammen bringen und solchen Sehnsüchten einen Raum geben. Und das hat für mich in Frankfurt immer sehr gut funktioniert.

Jetzt kommst Du selbst inzwischen als Performer viel rum, trittst rund um den Globus auf und auch Deine Musik entführt Hörer in andere Länder.

Ich bin ein großer Freund von Globalisierung. Allein schon, weil die Welt emotional betrachtet sehr nah beieinander ist. Ob Mexiko, Japan oder Hanau – gerade junge Menschen haben weltweit dieselben Träume und Sehnsüchte. Und es ist toll, wenn man das als Künstler befeuern kann.

Warum funktioniert Deine Musik weltweit?

Einen Aspekt haben wir schon angesprochen: Emotionalität. Hinzu kommt, dass ich nicht nach Erfolgsrezepten suche oder meine Fahne nach dem Wind, dem Mainstream hänge. Ich springe nicht auf irgendeinen Zug auf, nur weil er gerade ‚In‘ oder ein Genre gerade Trend ist. In dieser Hinsicht ist jede Form von Comfort Zone gefährlich.

Stichwort Genre. „Erfinder des Balkanpop“ ist ein Beiname, den man im Zusammenhang mit Shantel oft findet. Auf Deinem neuen Album „Istanbul“ stellst Du einen Ausschnitt aus der türkischen Musikszene der Gegenwart vor. Ist Weltmusik Dein Genre?

Ist nicht jede Musik Weltmusik? So oder so – ich denke nicht in diesen Kategorien. Für manche Menschen ist das wichtig und das ist auch ok. Ich persönlich finde: Wer in Kategorien denkt, der verliert viel. Gegenfrage: Was ist Jazz? Was ist Klassik? Die Grenzen sind heute fließend. Und das kann man auch gut auf Gesellschaften übertragen: Solange wir sagen ‚Er ist Türke‘ oder ‚Sie hat persische Wurzeln‘ – solange wir so denken, kommen wir in unserem Miteinander nicht voran und stoßen an soziale Grenzen.

Deine Großeltern stammen aus Rumänien – das hat Dich als Musiker geprägt.

Das stimmt. Grundsätzlich interessiert mich aber nicht Identität, sondern Gemeinsamkeit.

Was bedeutet das konkret für Dein Schaffen?

Mein Zugang zur Musik ist überhaupt nicht auf einzelne Länder gemünzt. Ich finde Melodien, Harmonien oder Stimmungen, die mein Herz berühren, die mich neugierig machen.

Neugier ist dabei ein entscheidendes Moment: Wenn ich merke, dass mich etwas berührt, dann will ich dem auf den Grund gehen, will an die Quelle.

Dann begebe ich mich in kulturelle Untiefen und beginne eine Art Spurensuche – die wiederum nur gemeinsam und im Austausch mit anderen Menschen funktioniert.

Dein Job erfüllt Dich. Du folgst dem Ruf Deines Herzens, wie Du sagst. Dass Du dabei die Welt siehst, ist Dir ein Privileg. Gibt es denn auch eine Kehrseite?

(Lange Pause.) Vor ein paar Monaten hätte ich klar gesagt: Nein. Seit Covid-19 und mit den notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, hat sich meine Sicht geändert. Mein Sohn ist jetzt 13 Jahre alt geworden – und ich habe zuvor einiges an Familienleben verpasst. Mein Dasein als Bühnenmusiker habe ich im März 2020 eingestellt. Seither habe ich viel Zeit mit meiner Familie verbracht, was mir ganz persönlich auch enorm gut getan hat.

Stimmt, öffentliches Leben schränkt Privates ein. Wie ging es Dir sonst in den letzten Monaten?

Für mich stand gleich fest: Es gibt keinen Kompromiss. Kein Streaming, keine Auftritte mit nur einer Handvoll Menschen, kein Konzert vor parkenden Autos. Daran ist auch nicht zu rütteln. Als Künstler habe ich Corona von Anfang an sehr fatalistisch, vielleicht pessimistisch begriffen.

Warum?

Ich kann besser damit leben, zu sagen: Ich bin jetzt erstmal anderthalb Jahre raus aus dem Live-Geschäft. So habe ich den Beginn der Krise auch als Beginn eines Sabbaticals verstanden, um eben Dinge zu tun, für die ich vorher keine Zeit hatte. Insofern ist Corona für mich auch ein Teilchenbeschleuniger.

Die Krise als Chance, also?

Absolut! Nichtsdestotrotz vermisse ich mein Publikum. Es fühlt sich wirklich wie ein Entzug an.

Alle Künstler sind aktuell auf Entzug. Genauso wie alle Fans, die Konsumenten von Kultur, auf Entzug sind. Wie bewertest Du das kulturelle Time-out?

Mich stimmt die Entwertung nachdenklich, die der Kulturbegriff erfährt. Kultur ist für eine Gesellschaft wie ein kollektives Gedächtnis und basiert auf gemeinsamer sinnlicher Erfahrung.

Historisch gesehen bildet Kultur die Grundlage für eine Ethik, auf der eine Gesellschaft aufbaut. Und Kultur findet im Moment nicht statt.

Keine Gesellschaft ohne Kultur?

Richtig. Gleichzeitig dreht die Welt sich ja weiter. Und der Mensch ist sehr anpassungsfähig. Zu überlegen, dass sich eine Gesellschaft an diesen Zustand gewöhnen könnte, macht mir Bedenken. Klar, geht es auch irgendwann wieder los. Aber schon jetzt ist klar: Die Welt wird nicht mehr dieselbe sein wie vor Corona. Und spätestens dann lautet die Frage: Wer hat die Deutungshoheit über die Beschaffenheit und Realität von Kultur?

Wie beantwortest Du dir diese Frage?

Wir als Kulturschaffende müssen uns die Deutungshoheit unbedingt und vehement, sofort und konsequent zurückholen. Und zwar auf allen Ebenen. Darin sehe ich schon fast eine revolutionäre Aufgabe.

Wie könnte so eine Revolution aussehen?

Wir brauchen so bald wie möglich eine Rückkehr zu Live-Performances, und zwar im öffentlichen Raum. Wir brauchen, als Versuchsanordnung, Festival-Formate von Frühjahr bis in den Herbst, die sonst nur im Sommer stattgefunden haben. Und da sind die Künstler gefragt. Sie müssen sich diese Räume nehmen. Alte Konfliktpunkte wie Lautstärke-Emission oder Ruhestörung, müssen wir hinter uns lassen. Diesbezüglich müssen wir urban radikal umdenken.

Du bist ein politischer Mensch. Für die Frankfurter Oberbürgermeisterwahl 2018 warst Du selbst im Rennen.

Richtig, das habe ich auch ernst gemeint. Wobei für mich in diesem Zusammenhang auch galt: Der Weg ist das Ziel.

Du hast Deine Kandidatur später zurückgezogen.

Ja. Ich lebe in und liebe Frankfurt. Deshalb habe ich es als Bürgerpflicht verstanden, mich mit den Instrumenten der öffentlich-rechtlichen Meinungsbildung auseinanderzusetzen. Ideen zu haben, ist das eine. Wirksam werden Ideen aber erst, wenn sie irgendeine Form von Durchschlagskraft entwickeln.

Was wünschst Du dir für den kulturellen Restart speziell in Frankfurt?

Ein allgemeiner Punkt vornweg: Autos – raus aus der Stadt. Gegen diese Forderung gibt es kein stichhaltiges Argument. Allein das birgt schon die Chance, Flächen, die dadurch frei würden, mit Kultur zu füllen und damit die Nachbarschaft in den Vierteln zu stärken. Diesbezüglich hat Frankfurt arge Defizite.

Was kann der Politiker vom Künstler lernen?

Politiker sollten, vor allem im lokalen Zusammenhang, den Kulturschaffenden viel besser zuhören und sie als ihren Seismografen begreifen. Der Künstler kann Ideen viel schneller aufgreifen und besser formulieren als der Politiker.

Findest Du auch hier Gemeinsamkeiten?

Beide, der Künstler und der Politiker, kommen nicht weit als Einzelkämpfer. Dem Künstler fällt es schwer, demokratisch oder kompromissbereit im Sinne seiner Idee zu sein. Deshalb bin ich nach wie vor auch gerne DJ, weil ich ein bisschen Diktator sein kann. (Lacht.)

Danke, lieber Shantel, für den Einblick und das wunderbare Gespräch!


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Felix

Bonvivant.

Mehr als irgendeine Stadt lässt Frankfurt Felix' Herz höher schlagen. Sein Enthusiasmus für Bob Dylan provoziert mitunter offene Besorgnis. Einem achtbaren Lebenswandel steht obendrein noch seine Cinephilie im Wege. Aber kochen kann er.

Dem Chaos ist er näher als der Ordnung. Sofern das nicht eh ein und dasselbe ist. Genau wie Schreiben und Denken. Erwischt sich immer wieder bei Selbstgesprächen. Mit anderen unterhält er sich aber auch gerne.