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Der Heimathafen – Ein Ort des Aufbruchs

Ein Interview mit Netzwerkkurator und “heimathafen” -Macher Dominik Hofmann in Wiesbaden

Fotos: Vicky Prüfer

Zu wissen oder zumindest eine Vorstellung davon zu haben, worin das positive Potential einer spezifischen Sache besteht, so könnte man meinen, zieht einen Imperativ zur Umsetzung nach sich. Alles andere, so könnte man weiter meinen, hieße: Stillstand. Indifferenz. Sichfügen. Diese Fortschrittsthese mag forsch klingen. Bis man versucht, ernsthafte Alternativen zu finden. Man denke nur an den Frevel, den es bedeutet hätte, nie das Potential von Obst, Marmelade zu werden, verwirklicht zu haben. Ein Unding!

Szenenwechsel: Wiesbaden! Kulturstadt, Tor zum Rheingau, „altes Geld“, viele Balkone und heiße Quellen. Ausgerechnet, oder besser noch, gerade hier ist seit geraumer Zeit ein ganz besonderer Verwirklicher am Werk: Dominik Hofmann. 84er Jahrgang, RheinMainer qua Selbstverständnis und jemand, der mehr will. Seit 2012 betreibt er zusammen mit einem Studienfreund den Coworking Space „heimathafen“ in der hessischen Landeshauptstadt. Auf die Frage, was er mache, antwortet er wie aus der Pistole: „Ich bin Kurator des Netzwerks.“ Peng. Imperator von was? Andere Leute sind Koch. Oder Busfahrer. Nachgehakt: „Und wie würdest Du einem Kind deinen Beruf erklären?“ Dominik entgegnet: „Ich helfe Leuten dabei, ihre Ideen zu verwirklichen.“ Wir haben Dominik Hofmann getroffen und mit ihm über Beruf und Berufung und die Zukunft der Arbeit gesprochen. Ein Interview.

Dominik, was macht Ihr hier eigentlich?

DOMINIK HOFMANN: Wir sehen uns quasi als Betriebssystem. Wir stellen im „heimathafen“ Räume und Equipment, Flächen und das Netzwerk zur Verfügung, was Freiberufler, Selbständige oder Gründer brauchen. Aber wir verstehen es zugleich als unsere Aufgabe, das Konzept weiterzudenken. Die Coworking-Idee als solche birgt weit mehr Potential als derzeit vielerorts tatsächlich realisiert wird.

Inwiefern?

Die Coworker sind derzeit in der EU die am schnellsten wachsende, nennen wir’s aus Ermanglung an Alternativen, „Berufsgruppe“. Das Problem der Coworker besteht in Regel darin, dass sie komplett aus dem System fallen. Keine Sicherung, keine Vorsorge, kaum Dienstleistungen, die auf die zugeschnitten sind. Hier versuchen wir, systemisch gegenzusteuern.


Wenn Du das so berichtest muss ich Dich fragen: Was ist denn der Vorteil am Coworker-Tum?

Coworking verbindet das beste aus den beiden Welten des Selbständigseins und des Arbeitens im Team. Einerseits bekommt man Infrastruktur und Unterstützung zur Verfügung gestellt wie als Arbeitnehmer, andererseits kann man aber sehr frei arbeiten, ist vernetzt und bleibt beweglich. Der „heimathafen“ ist deswegen darauf ausgerichtet, den Coworkern einerseits ein Schutzhafen zu sein und ihnen andererseits eine Schnittstelle zur „corporate world“ zu bieten.

Gerade aus konservativen Hälsen schallt bisweilen die Kritik: Millennials, Digitalnomaden, die Generation Homeoffice – allesamt Faulhaufen. Was entgegnest Du?

Das ist gewissermaßen ein Denkfehler. Unternehmen müssen den Nachwuchskräften auch das Umfeld und den Ansporn bieten, für den sich fleißig-Sein lohnt. Wir beobachten, dass gerade viele Fleißige aus dem Unternehmenskosmos aussteigen, um selbst etwas auf die Beine zu stellen – weil sie ihrerseits die Klage auf den Lippen tragen, dass das herkömmliche Lohn und Brot-Korsett überhaupt erst Faulheit fördert. Jemand, der es nicht einsieht, von neun bis fünf im Büro zu sitzen, ist nicht faul – sondern gegebenenfalls schlau. Die ambitionierten Coworker, die ich kenne, machen vielleicht nicht jede Woche zur Vierzigstunden-Woche. Aber wenn ein Projekt es verlangt, machen sie aus freien Stücken Achtzigstunden-Wochen. Und haben sogar noch Spaß dabei, weil sie wirklich hinter ihrer Arbeit stehen können.



„Coworking verbindet das beste aus den beiden Welten des Selbstständigseins und des Arbeitens
im Team.“

Kannst Du mir sagen wie groß die Fläche ist, die Ihr hier insgesamt bespielt?

Klar, ich zahle ja die Miete. (Lacht.) Wir wurden mal als „der am meisten überschätzte Coworking Space Deutschlands“ bezeichnet, weil wir genaugenommen nur eine vergleichsweise kleine Fläche bespielen. Wir nutzen rund 400 Quadratmeter über vier Etagen hier im Haus. Hinzu kommt die Terrasse draußen, die zum Café gehört.

Café, Coworking – was steckt noch alles unter der „heimathafen“-Haube?

Übers Jahr gerechnet gehen im „heimathafen“ etwa einhundert Veranstaltungen über die Bühne, die wir hosten oder ausrichten. Von Live-Musik übers Flüchtlings-Dinner bis zum Strick-Zirkel – die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Außerdem werden unsere Räume regelmäßig für Konferenzen beansprucht. Hier zählen mittlerweile auch Großkonzerne zu unseren treuen Kunden.

Als Experte auf dem Gebiet: Wie sieht denn Dein idealer Arbeitsplatz aus?

Den gibt es nicht im Singulären. Ich brauche mehrere – eine Vielfalt von Arbeitsplätzen. Und die habe ich hier.

Eine Vielfalt von Arbeitsplätzen für eine Vielfalt von Aufgaben?

Korrekt. In der Theorie ist allseitig von vier verschiedenen Arbeitsmodi die Rede. Die klassischen Unternehmen bedienen größtenteils nur einen einzigen: Das Heads-Down-Arbeiten. Kopf über der Tischplatte, Blick auf den Bildschirm, Finger auf der Tastatur. Das ist, insbesondere im weiten Feld der Kreativwirtschaft, ein nahezu hinderlicher Modus.

Was kommt dabei zu kurz?

Dreierlei: Das Kollaborative, das Soziale und das Learning – mit unserem Angebot versuchen wir, all das abzudecken.

Wie bist Du geworden, wer Du bist – hattest Du mal einen ordinären „nine to five“-Job, der Dir irgendwann zum Hals raushing?

Nein, tatsächlich nicht. Ein wesentlicher Impuls kommt aus der Zeit, die ich zusammen mit meiner Frau in New York verbracht habe. Das war für mich ein kreativer Arschtritt. (Lacht.) Die Stadt ist ein Schmelztiegel verschiedenster Leute, die alle irgendwann beschlossen haben: Da geht noch mehr. Insbesondere im Hinblick auf die Arbeitswelt.

Was hat New York mit Dir gemacht?

Es gibt dort Menschen, die prekäre Verhältnisse in Kauf nehmen, um ihre Träume zu verwirklichen. Diese Erfahrung stand rückblickend am Anfang meiner persönlichen Emanzipation vom deutschen Sicherheitsdenken.

Wie setzt Du diese Erfahrung um?

Mein Ziel ist es, das „Co“ in „Coworking“ wirklich zu leben. Das heißt auch, dass der „heimathafen“ nicht nur Beruf, sondern auch Berufung ist. Ich bin nicht nur meiner eigenen Karriere verpflichtet. Ich muss mich immer auch fragen: „Wie kann ich anderen helfen? Wem kann ich etwas geben?“ Und im besten Fall kann ich mich irgendwann mal „Potentialentfalter“ nennen.

Ganz platt gefragt: Warum Wiesbaden?
Wiesbaden ist groß genug, für einen Ideenmarkt, der auch Teilhabe zulässt und gleichzeitig klein genug, um eine Kultur im Entstehen mitzuprägen. Außerdem ist es schön hier. (Lacht.)

„In unserem kleinen Teil der großen Welt möchten wir gerne Veränderung sehen, ja. Und dazu möchten wir einfach das nutzen, was jetzt schon da ist: Das Netzwerk.“

Was habt ihr noch vor, wohin soll’s gehen mit dem „heimathafen“?

Damit der „heimathafen“ auch weiterhin Menschen und Organisationen dabei unterstützen kann, sich weiter zu entwickeln, müssen auch wir uns weiter entwickeln – und das würden wir gerne direkt um die Ecke zum jetzigen „heimathafen“: Wir träumen von einem neuen Hafen im Alten Gericht in Wiesbaden, einem Ort „von vielen für viele“: Ein öffentliches Café, Coworking, ein Gründer- und Kreativzentrum, ein „Labor für soziale Innovation“ und viele Veranstaltungen von und für viele Wiesbadener und RheinMainer. Mit reichlich Kunst, Kultur, Gemeinschaftssinn und frischen Ideen für unsere Stadt und die Region.

Das heißt Ihr wollt nicht nur die Art des Arbeitens, sondern auch ein wenig die Welt verändern?

In unserem kleinen Teil der großen Welt möchten wir gerne Veränderung sehen, ja. Und dazu möchten wir einfach das nutzen, was jetzt schon da ist: Das Netzwerk. Hier gibt es einerseits die Kreativen, Digitalen und Gründer: Sie sind innovativ, digital und kommunikationsstark, arbeiten aber derzeit oft an Apps und Webseiten – und nicht an den brennenden Fragen der Gesellschaft. Diejenigen, die an solchen Themen arbeiten, also Engagierte und Initiativen im Sozialen Bereich, können hier Unterstützung sehr gut gebrauchen. Wir möchten also denen helfen, die anderen helfen – das ist die Idee des „Social Innovation Lab“. Wir sind überzeugt: Hip ist das eine, „Hip 2.0“ kann was bewegen.

You may think that knowing, or having a vague idea where the potential lies with a specific thing, and it makes it kind of imperative to actually try and realize it. And you may also think that everything else would lead to a standstill, or indifference. This idea of innovation might sound bold – until you actually try to find real alternatives. Just imagine what the world would be like if no one had ever gone for the idea of turning fruits into jam. What an absurd thought!

Change of scenery: Wiesbaden! City of Culture, gateway to the Rheingau region, “old money”, countless balconies and hot springs. A city that is home to a very exceptional innovator: Dominik Hofmann. Born in 1984, 100% local to the Rhein-Main region and someone who always wants more. Since 2012 he and a university friend run the co-working space “heimathafen” (which translates to home port) in the Hessian state capital. When asked what he does for a living he answers quickly: “I am the network curator.” Bang! Imperator of where? Other people would say they are a chef, or a bus driver. Let’s try again: “So how would you describe your job to a child?” Dominik replies: “I help people to realize their ideas“. We met Dominik Hofmann and asked him about inner calling, profession, and the development of professionality. An interview.


Dominik, what is it that you actually do here at “heimathafen”?

DOMINIK HOFMANN: We actually see ourselves as some kind of operating system. At “heimathafen” we offer the workspace, equipment and network that freelancers, entrepreneurs and founders need. At the same time we try to contuously improve our concept to find out what else we can do. It’s our conviction that the idea of co-working holds much more potential than most providers realize.

In what way?

Over the last months, co-workers have been the fastest growing “occupational group” all over the European Union. Their problem is, however, that we live in a system that hasn’t yet adjusted to this way of work life. There are no insurances, no provisions, no services that actually address co-workers. On this basis, we try to modify the system in order to make it work for them.

From the sound of this, I have to ask you: Why is it worth it to become a co-worker?

Co-working connects all the advantages of being self-employed and being part of a team. On the one hand your co-working space offers you the infrastructure and support you would be getting as an employee, on the other hand you are completely free in your way of working as well as in your decisions, network and mobility. The concept behind “heimathafen” is that it is both, secure port and haven for the co-workers as well as a gateway into the corporate world.

“We’d like to see changes in our small part of the world, yeah. For realizing this we want to use the main resource that we’ve already got:
the network.”

“Co-working connects all the advantages of being self-employed and being part of
a team.”

What do you reply to all the conservative critics who claim that Millennials, digital nomads, “generation home office” are no more than just lazy?

I would reply that they are making a logical error. We live in a society where companies have to create an environment for their employees that actually motivates them to work hard and be diligent. What we have observed numerous times is the fact that mostly the hard-working individuals tend to leave the companies in order to build something from scratch, after corporate life has given them the feeling that it is an actual breeding ground for laziness in the first place. People who don’t see why they should be in an office each and every single day from nine to five are not lazy, but clever. In fact I know lots of ambitious co-workers who don’t work 40 hours each week. However, if a project demands it they’ve got 80-hour weeks and enjoy every second of it, because they love what they do.

Can you tell on how many square meters people at “heimathafen“ work?

I’m the one who’s paying rent so of course I can. (Laughs.) We were once called the “most overrated co-working space in Germany”, since we are relatively small compared to other providers. In fact, we’re using about 400 square meters over four floors in the building. Which is not including the terrace that is a part of our ground floor café.

Café, co-working – what else is it that “heimathafen” provides?

We host about one hundred events each year, some of which we also organize. There’s live music, dinners for refugees, knitting groups – pretty much everything is possible here. Our rooms can also be rented for conferences, which even large companies have regularly done over the past years.

As an expert on professional life: what does your ideal workspace look like?

I don’t have one singular ideal workspace, since
I need variety. Just like the variety here at
“heimathafen”.

A variety of workspaces for a variety of tasks?

Exactly. In theory you can speak of four general types of work. Most large companies only know one, namely what you call the “heads down” type. Head above, table below, looking down on the screen, fingers on the keyboard. Especially if you have to work creatively, this is the type of work that actually prevents you from being productive.

What is this type of work missing?

Three things: collaboration, socializing and learning. And the whole package is what we’re trying to offer here.

How did you get to be the person that you are? Did you ever have an ordinary nine-to-five job that you eventually became sick of?

No, I actually didn’t. A huge impulse was the time that my wife and I spent in New York City. That felt like a creative kick up the back-side. (Laughs.) This city is a melting pot of so many different people, who have all come to one common decision: You can always do better! Especially when it comes to working life.

What has the time in New York City done for you?

There are people in New York City who put up with precarious conditions, as long as they see an opportunity to fulfill their dreams. Watching this made me decide that it was time to step back from the focus of safety that is so typical for us Germans.

And how does this thought show in your work?

My personal goal is to really live the “co“ in the concept of co-working. Which also means that “heimathafen” is much more than a job to me, but rather the result of my inner calling. I don’t only take responsibility for my own career, but always have to ask myself what I can do or give to support others. And in the ideal case, I can say one day that I enable potential in others.

Plain question: Why Wiesbaden?

Wiesbaden is large enough for a market of ideas that still allows participation. On the other hand it is also small enough for people to leave actual cultural marks. And on top: it’s a lovely place. (Laughs.)

What are your plans? Where do you want to go with “heimathafen”?


Our main plan is to make sure that „heimathafen“ is still helping people and organizations with their development in the future, which means that we can never cease to develop ourselves. Which we’d love to do close to the current “heimathafen” building. We dream of a new port in the former Courthouse around the corner, where we’d love to create a place “by many for many”. A public café, co-working, a center for creatives and founders, as well as a “Social Innovation Lab” and lots of events that people from Wiesbaden and the Rhein-Main region can be part of and profit from. A place that is all about arts, culture, community and fresh ideas for our city and the surrounding region.

Which means that you’re not just planning to revolutionise the way people work, but also
change the world a bit?

We’d like to see changes in our small part of the world, yeah. For realizing this we want to use the main resource that we’ve already got: the network. On the one hand there are all the creatives, digitals and founders, who are innovative, strong when it comes to digital and communication tasks, but at the same time work on apps and websites instead of the crucial questions on how society needs to develop. Those who focus on these questions, meaning all the initiatives and innovators in the social sector, they – on the other hand – need all the support they can get. For us this means that we try to help those who help others, which is practically the idea behind the “Social Innovation Lab”. Our conviction is that being hip is just one thing. “Hip 2.0” can actually change things.


heimathafen
Karlstraße 22
Wiesbaden
www.heimathafen-wiesbaden.de

CategoriesRhein-Main
Felix

Bonvivant.

Mehr als irgendeine Stadt lässt Frankfurt Felix' Herz höher schlagen. Sein Enthusiasmus für Bob Dylan provoziert mitunter offene Besorgnis. Einem achtbaren Lebenswandel steht obendrein noch seine Cinephilie im Wege. Aber kochen kann er.

Dem Chaos ist er näher als der Ordnung. Sofern das nicht eh ein und dasselbe ist. Genau wie Schreiben und Denken. Erwischt sich immer wieder bei Selbstgesprächen. Mit anderen unterhält er sich aber auch gerne.