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“In Frankfurt liegen die Themen nur so auf der Straße”: Auf einen Bembel mit Gerd Fischer

Gerd Fischer am Holbeinsteg

Fans von Frankfurt-Krimis kommen an seinem Namen kaum vorbei: Gerd Fischer hat sich mit seiner „Kommissar Rauscher“-Reihe längst einen Stammplatz in den Regalen der Buchhandlungen gesichert. Außerdem hat der gebürtige Hanauer mit mainbook seinen eigenen Verlag gegründet und bis heute über 130 Bücher verlegt. Wir als Leseratten lassen uns natürlich nicht zweimal bitten, den Autoren und Verleger zu treffen – und unterhalten uns mit ihm über Frankfurt als Roman-Kulisse, den Vorteil von e-Books und den Reiz der Regio-Krimis. Außerdem verrät uns der 49-Jährige, weshalb die Nidda ein Ort der Inspiration ist – und wie es ihm gelungen ist, einen authentischen Roman im Rotlichtmilieu zu schreiben.

Wir treffen den Wahl-Frankfurter im „Klaane Sachsenhäuser“, einer urigen Apfelweinwirtschaft mit Sinn fürs Wesentliche. Auch die Speisekarte gestaltet sich puristisch: Rippchen mit Kraut, Handkäs mit Musik, Schneegestöber – neben den Klassikern der Frankfurter Küche braucht es hier nichts weiter, um eine gute Zeit zu haben. Außer, klar, einem soliden Stöffchen. Unsere erste Frage -„Süß, sauer oder pur?“- beantwortet sich denn auch gleich von selbst: Gerd Fischer hat es sich bereits vor einem frischen Bembel und einer Flasche Mineralwasser bequem gemacht. „Süß geht ja auf keinen Fall!“, konstatiert unser Gesprächspartner. Dankbar lassen auch wir uns einen Sauergespritzten einschenken – und lenken das Thema zunächst auf unsere Lieblingsstadt.

Du wohnst seit 1991 in Frankfurt. Wie hat sich Frankfurt seitdem deiner Meinung nach gewandelt?
Ganz, ganz krass – und zwar zum Positiven! Frankfurt war früher einmal viel, viel hässlicher.Ich nehm‘ mal nur ein Beispiel raus, nämlich das Mainufer: Das war die reinste Betonwüste, egal ob jetzt Hibb- oder Dribbedebach!  Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie hässlich das doch war. Nein, an den Ufern ist damals auch niemand gerne spazieren gegangen. Und heute sitze ich gerne mit einer Flasche Rotwein zum Feierabend am Sachsenhäuser Ufer, gucke auf die Hochhäuser und …

… hach, ja. Das Frankfurter Lebensgefühl!
Von heute, ja. Genau das gab es früher aber gar nicht! Dass sich so viel draußen abspielt, auch vor den vielen Kneipen – das ist ein ganz wesentlicher Unterschied zum Frankfurt von früher. Klar, man sich darüber streiten, ob dieser oder jener Wolkenkratzer jetzt wirklich notwendig und dem Stadtbild zuträglich ist – aber ich zumindest schaue die Skyline nach wie vor liebend gerne an! Zum Beispiel bin ich eben mit der „Achtzehn“ hier her gefahren, und als ich auf der Ignatz-Bubis-Brücke aus dem Fenster geschaut habe und die ganzen Lichter gesehen habe, da dachte ich mir nur: „Wow!“

Von diesem Anblick bekomme auch ich bis heute nicht genug! Aber einmal abgesehen von Mainufer und Skyline: Welche Bedeutung hat deine Wahlheimat für dich? Immerhin bist du der Stadt seit fast dreißig Jahren treu geblieben…
Eine ganz, ganz große! Allein schon wegen meines Studiums hat Frankfurt für immer einen Platz in meinem Herzen. Gerade als Student erlebt man ja so viele Momente, die man niemals vergisst! Heute kommt hinzu, dass mein Verlag explizit ein Frankfurter Verlag ist – nicht umsonst habe ich ihm den Namen „mainbook“ gegeben und meinen Kommissar „Rauscher“ getauft! Und auch, wenn die mainbook-Autoren mittlerweile im gesamten Bundesgebiet angesiedelt sind, so kommen die meisten doch aus Frankfurt und Umgebung. Die Wurzeln des Verlags, die liegen hier!

Auf mainbook kommen wir später noch ausgiebig zu sprechen. Verrate mir doch vorher noch:
Was zeichnet die Stadt für dich besonders aus? Was liebst du an Frankfurt, was eher weniger?
Eine Sache, die ich richtig gut finde, ist, dass Frankfurt gar nicht mal so groß und schön kompakt ist. Ich bin zum Beispiel auch gern in Berlin, aber nach spätestens einer Woche dort bin ich richtig genervt. Egal, wo ich in der Hauptstadt auch hin möchte – immer bin ich ewig unterwegs! Hier in Frankfurt, da komme ich überall auch mit dem Fahrrad hin. Und was ich an Frankfurt noch ganz, ganz toll finde, ist das Nebeneinander von Tradition und Moderne.

Als wäre er bestellt, betritt in diesem Moment der Sachsenhäuser Brezel-Mann die Gastwirtschaft. Fischer freut sich, kann er doch nun seine These trefflich untermauern.

… sieh‘, da ist zum Beispiel der Brezel-Mann, der ganz selbstverständlich die Banker am Nebentisch bedient. Im „normalen Leben“ haben hier viele Menschen nichts miteinander zu tun – aber abends in der Wirtschaft, da sind alle gleich. In Frankfurt pflegt man eine ganz charmante Koexistenz, die ich sonst aus keiner anderen Stadt kenne. Das gefällt mir wirklich sehr!

Gerd Fischer

Frankfurt als Buchstadt


Lass‘ mich eine Brücke zur Frankfurter Verlagslandschaft schlagen. Wie ist es um diese denn bestellt?
Nicht so gut, das muss ich leider sagen. Nicht umsonst hat mittlerweile sogar das böse Wort „Verlagssterben“ Einzug in den Sprachgebrauch gehalten, auch einige größere Namen hat es ja in den vergangenen Jahren „erwischt“. Der Ausblick ist nicht rosig, aber ich möchte auch nicht Schwarzmalen: Wir haben nach wie vor tolle Autoren hier in Frankfurt und eine sehr aktive Literaturszene. Außerdem natürlich weiterhin die Buchmesse als weltweit wichtigste Leitmesse, das darf man nicht vergessen – und noch immer eine Vielzahl von kleinen, unabhängigen Verlagen. Wir müssen aber aufpassen, Frankfurt als Buchstadt nicht weiter zu gefährden. Die „goldenen Zeiten“, die sind nämlich vorbei. Da hilft auch keine Schönfärberei seitens der Kulturdezernentin.

“Wir müssen aufpassen, Frankfurt als Buchstadt nicht zu gefährden”

Gerd Fischer, Autor und Verleger

Nun hat die Branche viel Hoffnung auf das e-Book gesetzt. Zurecht?
Da muss ich ganz klar sagen: In gewissen Genres hat sich das e-Book schon jetzt durchgesetzt. Gerade im Fantasy-Bereich oder der erotischen Literatur ist das e-Book längst dabei, dem gedruckten Buch den Rang abzulaufen. Die Vorteile sind ja auch nicht von der Hand zu weisen – man denke nur mal an das Gewicht eines Stapels Bücher oder den Senioren, der die Größe der Buchstaben frei bestimmen kann. Allerdings bin ich mir sicher, dass man ambitionierte Literatur auch in zwanzig Jahren noch in gedruckter Form lesen wird und kann. Mal ganz abgesehen von Bildbänden, Ratgebern oder Kochbüchern, die als e-Book gar nicht erst funktionieren. Aussterben wird das klassische Buch also ganz sicher nicht. Und außerdem: Wer verschenkt schon ein e-Book zu Weihnachten?

Als Verleger blickst du also entspannt die Zukunft?
Ja, denn ich habe tolle Autoren an Bord. Auch wirklich renommierte Schriftsteller wechseln mittlerweile ganz bewusst zu mainbook. Und für 2020 haben wir wieder richtig, richtig gute Bücher geplant!

Mit seinem literarischen Debut ersann Fischer die Figur des Kommissar Rauscher, einem Frankfurter Polizeibeamten mit einem durchaus sympathischen Hang zum Apfelwein. Mittlerweile bringt es der Romanheld auf zehn unter Anwendung mitunter fragwürdiger bis kurioser Ermittlungsmethoden aufgeklärter Fälle und kann sich über eine eingefleischte Fan-Gemeinde freuen. Wir wollen wissen, wie man aus dem Nichts heraus eine Kultfigur erschafft.


Im Jahr 2006 hast du deinen ersten Roman „Mord auf Bali“ veröffentlicht. Wie kamst du auf die Idee, dein erstes Buch zu schreiben?
Damals hatte ich als Werbetexter in einer Agentur gearbeitet. Meine Chefin war ein großer Fan von Andreas Franz, und als ich im November 2013 in den Urlaub nach Bali geflogen bin, hatte ich sie gefragt: „Kannst du mir nicht einen seiner Krimis empfehlen?“ Sie meinte dann bloß, dass ich unbedingt „Der Jäger“ lesen müsse.

Den kenne ich! Der ist gut!
Ist er auch! Ich habe das Buch dann auch am Strand auf Bali gelesen und wurde auf ganz bestimmte Art inspiriert. Klar, bislang hatte ich mit dem Texten mein Geld verdient – doch einen richtig langen Text zu schreiben, das hatte mich auf einmal sehr gereizt. Ich lag also am Strand und hatte beschlossen: „Ich schreibe jetzt einen Krimi!“

Nichts lag damals näher, als einen Kommissar zu erfinden, der gerade selbst Urlaub auf Bali macht. Der Name „Andreas Rauscher“ als Hommage an den Apfelwein ist mir dann quasi noch unter den Palmen in den Sinn gekommen, und noch vor meiner Abreise hatte ich den Plot so gut wie vollendet. Ja, und als ich dann zurückkam, habe ich recherchiert – zu Bali, zum Polizeiwesen und dem ganzen Rest. Und als ich zurück nach Frankfurt kam, habe ich einfach losgeschrieben.

„Losgeschrieben“ im Sinne von Sebastian Fitzek? Der hat ja mal behauptet, die beste Story käme erst beim Schreiben…
Genau so war es! Ich hatte wirklich keinen Schimmer, wohin mein komplexes Vorhaben wohl gehen mochte, wie ich Spannungsbögen aufbauen und den Leser bei der Stange halten kann. Trotzdem habe ich geschrieben wie ein Verrückter, und irgendwann habe ich meiner damaligen Chefin ein Manuskript in die Hand gedrückt und hab‘ gesagt: „Check‘ das doch mal!“

Und dann?
Habe ich das Manuskript an Verlage geschickt, und es erging mir wie tausend Anderen: Ich habe entweder Absagen erhalten oder erst gar keine Reaktion. Aber, und das war auch mein großes Glück: Ein Verlag hatte „angebissen“, ich konnte mein erstes Buch in den Händen halten.

Im Jahr 2010 gründete Gerd Fischer seinen eigenen Verlag. Uns interessiert, wie ein Debut-Autor in nur kurzer Zeit Verleger werden kann. Und natürlich, wie uns die bestellte grüne Soße schmecken wird.

… doch schon die Fortsetzung deines ersten Werks erschien im Eigenverlag. Weshalb?
Da muss ich jetzt sehr ehrlich sein, aber ich war damals wirklich unzufrieden mit der Zusammenarbeit mit meinem Verlag. Ich dachte – naiv, wie ich war – ich würde hier und da mal mit meinem Verleger telefonieren, würde fragen, wie dieses und jenes Projekt läuft, wie mein eigenes Schaffen so ankommt. Aber da kam eben – nichts zurück. Gar nichts. Da fand keine Zusammenarbeit statt, und irgendwann kam eben der Gedanke: „Da mach ich’s halt einfach selbst“. Was brauchte ich schon, außer einem Gewerbeschein und einer guten Zusammenarbeit mit Frankfurter Buchhandlungen?

Also habe ich Mainbook gegründet, und mir selbst versprochen, das jetzt besser zu machen. Von der Idee bis zum Lektorat – meinen Autoren wollte ich präsent sein, ich wollte als Verleger ihre Ideen gemeinsam konzipieren. Das halte ich bis heute so, bei mittlerweile etwa 50 Autoren.

Das klingt nach einer ganzen Menge. Welchen Schriftstellern möchtest du denn konkret eine Plattform bieten?
Der Fokus liegt eindeutig beim Frankfurter- oder eben hessischem Krimi. Aber auch Fantasy, das läuft – wir hatten es schon davon – als E-Book sehr gut. Wenn ich einen Schwerpunkt benennen müsste, dann träfe es „Spannungsliteratur“ eigentlich sehr gut.

Zurück zu deinen eigenen Romanen. Hand aufs Herz: Wie viel Gerd Fischer steckt eigentlich in deinem Romanhelden, dem Kommissar Andreas Rauscher?  
Überraschend wenig! Klar, die Welt des Apfelweins ist für mich nicht fremd. Ich habe ja als kleiner Junge in der Wetterau schon mitbekommen, wie unsere Nachbarn selbst gekeltert haben und habe es geliebt, wenn es frischen Süßen gab. Und wenn er irgendwann auf der Zunge gebitzelt hat, also ein Rauscher war, dann war das natürlich ein echtes Highlight! Es lag also nur nahe, meinen Kommissar so zu benennen, denn welchen regionalen Bezug hätte ich schon herstellen können, wäre er Raketen-Physiker? Ansonsten aber ist der Rauscher eine Kunstfigur. Er hat seine Frauengeschichten, seine Eigenarten und persönliche Historie – hinter alldem steckt viel mehr meine Phantasie denn die Person Gerd Fischer.

Frankfurt als Roman-Kulisse


Nun ist Frankfurt Kulisse all deiner Krimis. Eignet sich unsere Stadt einfach besonders gut als Roman-Kulisse?
Natürlich, denn hier liegen die Themen doch nur so auf der Straße! Und außerdem ist mein „Rauscher“ natürlich ein echter Frankfurter Bub.  Somit habe ich in nunmehr zehn Krimis versucht, immer wieder ein entsprechend relevantes, Frankfurter Thema aufzugreifen – sei es die Eintracht, sei es der Apfelwein, seien hohe Mietpreise oder sei es der Fluglärm: Es würde mir viel zu falsch vorkommen, die Handlung meiner Bücher nur zufällig in Frankfurt stattfinden zu lassen, als den einheimischen Leser wirklich zu berühren.

Ich bemühe mich, immer ein offenes Ohr für meine Mitmenschen zu haben – in der Absicht, ein offenes Ohr für all die Themen zu haben, welche die Menschen aus der Region berühren! Auch Leser, die weit entfernt von Frankfurt sind, erfahren so, was diese Stadt bewegt. Und das ist mir sehr wichtig! Nur, wenn der Leser merkt, dass Handlungen glaubwürdig und authentisch sind, dann kommen Bücher wirklich gut an.

Frankfurt hin, Frankfurt her: Lokal-Krimis erleben derzeit einen echten Höhenflug. Worin glaubst du liegt der Reiz von Literatur mit regionalem Bezug?
Krimi-Fans haben ja immer schon immer gerne die Schweden- oder London-Krimis gelesen. Und irgendwann ist wohl der unheimliche Gedanke aufgekommen: „Was, wenn das Verbrechen vor meiner eigenen Haustüre geschehen würde?“ – egal, ob jetzt in Hanau, Gelnhausen oder Aschaffenburg. Oder eben in Frankfurt. Da liegt es nahe, einen entsprechenden Roman zu lesen. Aber das ist nicht alles: Der Leser kann seine eigene Erfahrung mit den Schilderungen aus einem Buch abgleichen.

… willst du damit sagen, dass der Leser bestimmte Handlungsorte mehr fühlen kann, weil er sie selbst aus seinem Alltag kennt?
Ganz bestimmt nicht! Henning Mankell zum Beispiel, der lässt mich doch die schwedische Provinz so sehr fühlen, als wäre ich dort selbst zugegen. Allerdings sind die Leser natürlich weitaus kritischer mit in Romanen geschilderten Orten, wenn sie diese persönlich kennen – wenn in einem Roman zum Beispiel ein Bootshaus an der Nidda erfunden wird, was es so gar nicht gibt, da kennen die Leser wirklich keine Gnade! Ich hatte das einmal gemacht – und durfte mir anschließend auf einer Lesung ordentlich was von einer Leserin anhöre.

Ooops! Jetzt interessiert mich natürlich brennend, wie dir überhaupt die Ideen für deine Romane kommen…
Ich hatte es ja schon kurz angeschnitten: Ich achte darauf, was meine Freunde aus der Region bewegt. Und meine Geschichten, die formen sich meist beim Joggen. Ein langer Lauf am Ufer der Nidda entlang ist mir die größte Quelle an Inspiration! [lacht]

Im November 2019 erschien mit „Rotlicht Frankfurt“ Fischers neustes Werk. Darin findet ein Frankfurter Journalist eine erschossene Prostituierte auf – und taucht anschließend immer tiefer in die Machenschaften einer zwielichtigen Escort-Agentur ein. Es kommt, wie es kommen muss: Er selbst gerät ins Visier von Kriminellen und muss um sein Leben fürchten. Wir haben Fragen, gießen noch einen Schoppen ein und lassen uns unsere grüne Soße schmecken. Für Fischer gibt es Strammen Max.

An dieser scheint es dir ja nicht zu mangeln! Mit deinem jüngsten Roman „Rotlicht Frankfurt“ verlässt du nun die Welt des Kommissaren Rauscher – und tauchst ab in jene zwielichtige des Bahnhofsviertels. Gibt’s für deinen Helden nichts mehr zu tun – oder bist du ihm gar überdrüssig geworden?
[lacht] Auf gar keinen Fall! Und mein nächstes Buch wird auch wieder ein Rauscher-Krimi, versprochen. Aber nach zehn Krimis der Rauscher-Reihe bin ich der Meinung, dass mir als Autor eine kleine Pause von den „üblichen“ Personen und Schauplätzen ganz gut tut. Ich hatte Lust auf eine Abwechslung, und habe mich gefragt: Warum nicht mal ein Thriller im Stil amerikanischer Autoren?

Na, das nenne ich mal ambitioniert!

Klar – aber ich bin mir sicher, dass es mir gelungen ist. Zunächst aber bin ich dann über einen Bericht über eine Gerichtsverhandlung gestolpert, in welche die beiden französischen Fußball-Nationalspieler Frank Ribéry und Karim Benzema verwickelt waren. Beide hatten eine minderjährige Prostituierte in einem Pariser Hotelzimmer gebucht, wurden aber freigesprochen, weil ihnen nicht nachgewiesen werden konnte, dass sie über das Alter des Mädchens Bescheid wussten.  

Gerd Fischer Holbeinsteg

Und daraufhin ist dir die Idee zu „Rotlicht Frankfurt“ gekommen?
Noch nicht ganz! Ich habe das Thema dann aufmerksam in den großen Zeitungen verfolgt. Diese hatten aufgedeckt, dass hinter den jungen Mädchen ganze Agenturen stecken, welche – auch minderjährige! – Frauen an Prominente vermitteln. Manche der Prostituierten hoffen auf Ruhm – das Mädchen aus dem Pariser Hotelzimmer zum Beispiel, das ist auf einem Foto mit Ribéry  aufgetaucht und ist anschließend berühmt geworden. Sie hat ihre eigene Modemarke kreiert und eine Hauptrolle in einem Kinofilm bekommen. Das hat mir zu denken gegeben, dass es junge Frauen gibt, die sogar ihren Körper verkaufen, um in die Öffentlichkeit zu gelangen. Harter Tobak, finde ich – aber diese Geschichte hat mich auf die Idee gebracht, einen in diesem Milieu angesiedelten Roman zu schreiben.

Du hast doch hoffentlich nicht aus Recherche-Gründen minderjährige Mädchen gebucht?
Um Himmels willen, nein! Ich weiß auch nicht, ob es in Frankfurt überhaupt eine entsprechende Szene gibt. Es war mir aber natürlich wichtig, die Geschichte hier stattfinden zu lassen.   

Ich habe zwar erst fünfzig Seiten gelesen – stelle aber fest, dass einige Passagen des Buchs für den Leser nur schwierig zu ertragen sind. Schilderungen, wie Frauen misshandelt werden, lassen mich sprachlos und wütend zurück. Muss das wirklich sein?
Ja, ich habe mich ganz bewusst da zu entschieden. Weißt du, wenn man sich als Autor in ein solches Milieu begibt – dann darf man vor drastischen Szenen nicht zurückscheuen, um ein glaubhaftes Buch zu schreiben. Damit steht und fällt alles.

Aber wie kannst du dir überhaupt sicher sein, ein authentisches Buch geschrieben zu haben? Auch hier hat mir eine persönliche Bekanntschaft sehr geholfen. Zu Beginn meiner Zeit als Ghostwriter hatte mich eine Frau kontaktiert, die eine Idee für einen Thriller hatte. Sie arbeitete damals als Domina im Frankfurter Bahnhofsviertel. Und ehe mich versah, saß ich in ihrem Studio, während sie mir ihre Buch-Idee erklärte. Eine skurrile Situation! Dabei ist es aber nicht geblieben, denn sie hat auch einige abstruse Anekdoten aus dem Frankfurter Rotlichtmilieu erzählt.

Ich wollte mehr wissen, habe immer wieder Fragen gestellt: Was passiert auf der Straße, wer zieht die Strippen im Bahnhofsviertel, wer sind die Zuhälter, wie arbeiten die Mädchen? So habe ich also einen echten Insider-Einblick gewonnen, und all diese Eindrücke sind schlussendlich in „Rotlicht Frankfurt“ geflossen. Ich kann also behaupten, ein authentisches Buch geschrieben zu haben. Genau deswegen ist es mitunter aber auch sehr hart geworden, richtig hart.

Erschwerend kommt für mich hinzu, dass die Geschichte vor meiner eigenen Haustür spielt.
Ja, es ist auch gut möglich, dass einige Leser davon überfordert sind. Meine Mutter hat schon verkündet, dass sie das Buch niemals lesen wird! [lacht]

A propos „niemals lesen“: Kommst du bei deinem Output an Büchern überhaupt noch selbst zum Lesen?
Aber unbedingt! Wenn ich selbst gerade ein Buch schreibe, lese ich parallel sogar sehr viel. Ich muss dann einfach meinen eigenen Text aus dem Kopf kriegen, und mir anschauen: Wie bauen andere Autoren ihre Thriller auf, wie konstruieren sie einen Plot und zeichnen Spannungsbögen? Das hilft mir immer sehr.

Ich danke dir für das Interview und wünsche dir weiterhin ganz viel Freude beim Schreiben!
Gern geschehen. Zum Wohl!

Infos zur “Kommissar Rauscher”- Reihe, “Rotlicht Frankfurt” und anderen Publikationen findet ihr auf der Homepage des Verlags.

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Matze

Zugezogen, doch fühlt sich im Herzen längst als Frankfurter. Wenn er nicht gerade zu viel Geld für Bücher, Schallplatten und Kleinbildfilme ausgibt, vertrödelt er mit Vorliebe ganze Nachmittage im Café. Dort trinkt er zu viel Kaffee und raucht zu viele Zigaretten - meint zumindest sein Arzt. Großer Verfechter des Apfelweins (sauer!), betreibt gern Multitasking, kaut ununterbrochen Kaugummi. Liebt Prinzipien und mag es strukturiert:
Selbst für seine To-Do-Listen schreibt er To-Do-Listen.