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Wir entdecken mit Johan die Stadt, Teil III: Alte Gasse, junges Viertel

WErbung

Die Welt, die Ferne, die azurblaue und feinsandige Fremde entdecken wir im Urlaub mit dem Blick des Reisenden. Die eigene Stadt, unser Viertel, unseren Kiez – da schauen wir oft nur mit flüchtigem Blick hin. Kleine Veränderungen nehmen wir häufig nicht wahr, das Vertraute kaschiert das Besondere im Alltag.

Johan von planet radio kennt ihr ja schon. Unserer gemeinsamen Streifzüge zur Stadterschließung – auf dem Oeder Weg und auf der Friedberger Landstraße – haben wir online veröffentlicht. Unser dritter Spaziergang führte uns zum Auswärtstermin nach Offenbach. Den Text findet ihr in unserer fünften Print-Ausgabe.

Was ihr (vielleicht) noch nicht kennt: Unsere neue Base. Zum Sommerbeginn sind wir in unser Urban-Space-Agentur-Magazin-Studio ins Herz der Frankfurter Innenstadt gezogen – kommt uns gerne besuchen!

Startpunkt: Fahrgasse

So wie Johan. Wir treffen ihn in der Fahrgasse und machen uns auf den Weg nach Norden. Kaum möglich ohne einen kurzen Stopp beim Yuan Fa Asia Markt kurz vor der Konstabler Wache. Ein panasiatisches El Dorado der Inspiration – und der Kuriositäten. Johan erzählt, dass er in einem Asia-Laden im Griechenland-Urlaub vom Veganismus abgekommen ist. “Ich koche ungefähr zweimal pro Jahr selbst, davon immer einmal asiatisch”, versichert er.

Weiter gen Norden. Unser Ziel liegt jenseits der Konsti. Wir befinden uns, die Fahrgasse im Rücken, etwa auf Hälfte der Strecke einer der vormals bedeutendsten Frankfurter Verkehrsschneisen. Die Nord-Süd-Achse führte vom Scheffeleck bis zum Mainufer. Seit dem 19. Jahrhundert wurden hier öffentliche Verkehrsmittel eingesetzt: Erst Busse, dann Trambahnen, bis  hier 1999 am sogenannten Haferkasten die Linie 12 eingestellt wurde. Aus alten Tagen zeugen noch immer die zwei Pferdeköpfe der Henninger-Brauerei, die heute etwas verloren und ungläubig überm McDonalds hängen.

Schäfer- und Alte Gasse, Große Friedberger und Vilbeler Straße münden in einen Kreisel, der sich aktuell ganz in Pride-Farben als schicker Foto-Spot anbietet. 

Johan auf dem bunten Kreisel

Unser Weg führt uns ins Bermudadreieck. Serkan Burakcin wartet schon – mit einer herzlichen Umarmung und einem sanften Crémant aus den französischen Pyrenäen. “Das ist mein Champagner”, beschwört er den Tropfen mit einem ansteckenden Grinsen auf den Wangen. Serkan führt seit drei Jahren mit großem Erfolg das Bonvivant, ein mediterranes Lokal in der Rosenbergerstraße, gegenüber der Terasse der Zwölf Aposteln. Der Bonvivant, das ist er. Serkan ist der geborene Gastgeber – und unschlagbarer connecteur, sozusagen – weshalb er auch angeboten hat, unseren Spaziergang mit Johan zu begleiten.

Was geht, Alte Gasse?

Vor ein paar Jahren begann sich das Viertel um den Hauptbahnhof zum place to be zu entwickeln – vor allem in Hinblick auf Gastronomie und Nachtleben. Doch der Hype, das bekommen wir heute mehrfach zu hören, lässt ganz langsam nach. Das sind natürlich erst mal Einzelbeobachtungen. Und während es in einer Stadt freilich nie nur einen In-Spot gibt, viele Viertel-Trends und Trend-Viertel bestehen gleichzeitig, diagnostiziert Jung-Gastronom Serkan hier, in dem Karree, das sich um Alte Gasse und Vilbeler Straße spannt, eine ganz frische, lebendige Szene im Entstehen. Davon soll unser Spaziergang handeln. Wir wollen wissen: Was tut sich gerade am nördlichen Innenstadtrand, in Old Alley Town? Was geht, Alte Gasse? Serkan zeigt’s uns.

Serkan Bonvivant und Johan
Bonvivant

Nun, da sind zum einen die Institutionen. Läden, die tiefe Wurzeln in der Ecke haben und deren Macher den Test der Zeit Mal um Mal bestehen. Wie das Rama V, das von der thailändischen Regierung höchst selbst zu einem der besten Thai-Restaurants in Frankfurt gewählt wurde – was wohl keinen Frankfurter groß überrascht. Es gibt Meinungen und Tatsachen, und dass man kaum woanders derart gut thailändisches Essen serviert bekommt, steht nun einmal fest. Der Chef, Astrit Hajzeraj, erzählt von seinen zahllosen prominenten Gästen, von Bundeskanzlern, Michael Schumacher und Mick Jagger und davon, wie vor 20 Jahren Handwerker nebst Bau-Materialien eigens aus Thailand hergebracht wurden, um das Rama V zu dem zu machen, was es heute ist: Die Krönung der authentischen Thai-Erfahrung.

Seit knapp zehn Jahren ist das Tía Emma in der Alten Gasse zuhause – die perfekte Mischung zwischen Café, Boutique, Schnick-Schnack und Plauder-Terrasse. Unberechenbar und bunt setzt der Konzeptladen ein unverkennbares Zeichen für Vielfalt, Verspieltheit und Vertrautheit. Hier kann jeder Kind sein. Und wer Kind ist, lernt hier, sein Taschengeld gut zu verwalten. Weil jedes Einzelstück ein Must-have ist.

Perlen und Eintracht

Dann gibt es den Eintracht Shop, das Fanhouse, das Rainer Kaufmann seit bald 30 Jahren betreibt. In Eintracht-Kreisen eine Legende, stattet der Rainer junge und alte Adler mit der nötigen Bekleidung und unerlässlichen Accessoires aus. Stolz zeigt er uns das Foto, auf dem er den Pokal in den Händen hält, den die Frankfurter 2018 im Endspiel gegen den Rekordmeister aus München gewonnen hatten – als der Himmel voll Bembel hing.

Etwas weiter südlich auf der anderen Straßenseite ist der Perlenmarkt. Das Atelier von Schmuckdesignerin Isabelle Danjot hält, was der Name verspricht. In ihrem kleinen Reich wacht sie über hunderte und aberhunderte Perlen in allen erdenklichen Farben. Sie fertigt an, repariert und verkauft auch Mode. Vorne um die Ecke am Kreisel steht Gökan Sezer Aksay an seiner Verkaufstheke. GSM – Gold-Silber-Münzen ist vielleicht der kleinste Laden im ganzen Viertel. Auch sein Geschäft ist Schmuck – aber auch Uhren, Münzstücke und Kurioses.

Gökan bildet gleichzeitig eine Art Übergang. Er ist ein junger Kerl mit Zopf, das Geschäft hat er bestehend übernommen. Die alten Läden, und bewährten Restaurants, die das Viertel prägen sind der Nährboden für die jungen Wilden und Impulsgeber, die frischen Wind bringen und die Gegend neu beleben.

Die Wildesten unter den jungen Wilden schließen das Quartier nach Norden hin ab. Aus den Lautsprechern im Torreto Barbershop scheppert dreckiger Bottleneck-Blues, wie nur Johnny Winter ihn aus einer Stromgitarre holen konnte. Männerhaare sind zu wichtig um sie den Friseuren zu überlassen, so die Devise. Frauen, wie auch das Wort Friseur selbst, sind hier unerwünscht. Echte Kerle, scharfe Klingen und scharfer Schnaps geben hier den Ton an.

Kaffeeparadiese

Ein Stück weiter in der Vilbeler Straße betreibt betreibt Engin Cansi seit einem Jahr mit dem Coffeosi Passion Store ein Rundum-Paradies für Kaffee-Freunde. Das Mischkonzept aus Café, Werkstatt, Workshop-Space und Kaffee-Maschinen-Museum lässt keinen Bohnen-Traum unerfüllt. Ein weiter Spezialist auf diesem Gebiet hält auf der anderen Seite des Kreisels die Stellung. In der Espresso Bar am Kopf der Schäfergasse haben Paul Zweigle und Manfredas Masiulis das schwarze Gold zur Vollendung gebracht. Ihr Laden ist gleichsam ein sozialer Fixpunkt im Viertel.

Ebenfalls in der Schäfergasse findet sich einmal mehr eine Institution: Das Butzenstübchen – der feuchtfröhliche Traum eines jeden Kneipen-Fans. Inhaber Erol Altunel, ist in dem Quartier zur Welt gekommen, womit ihm quasi die Ehrenpräsidentschaft in dem bunten Mikrokosmos um die Alte Gasse zukommt. Erst vor kurzem hatte die Nachricht die Runde gemacht: Erol übernimmt die Luna Bar in der Stiftstraße. Die legendäre Late-Night-Adresse will er künftig zu altem Glanz zurückführen.

Wir sind wieder in der Rosenbergerstraße angekommen – und durstig. Zusammen mit Zwölf Apostel-Kellner Erwin und Bonvivant Serkan steigen wir mit Johan in den Braukeller von Frankfurts erster Hausbrauerei der ab. Erwin dreht am Hahn und wir verkosten das hauseigene Urtyp trübe Bier – direkt von der Quelle.

Vis-a-vis der Apostel-Terasse steht die Tür neben Serkans Laden offen. Basslaute dringen heraus, wir gehen rein. Drinnen empfängt uns Teimaz Shahverdi, der kreative Kopf hinter Azita, ein minimal Laden, in dem die Grenzen von Kunst, Streetwear und High-End-Mode komplett verwischen.

Der Grund dafür, dass das Quartier zur Zeit so wunderbar blüht, steht für Serkan fest: “Es ist ein gutes und sehr stabiles Netzwerk, das wir hier pflegen.” Man kennt und trifft einander regelmäßig. Gute Nachbarschaft macht gute Geschäfte und die bringen eine neue, kunterbunte Kultur.

Bis bald, Neuentdeckungen!

Das Viertel zu entdecken und aufs Neue zu entdecken ist ein lohnendes Programm, das gut und gerne einen ganzen Tag füllt. Hier genauer hinzugucken und auf die vielen Veränderungen zu achten, macht nicht nur uns großen Spaß. “Jedes mal, wenn wir unterwegs sind, finde ich ich neue potenzielle Stammlokale”, lacht Johan. Der Tag ist zum Abend geworden, bei Serkan trudeln die ersten Gäste ein. Ob für das fantastische Essen oder die erstklassigen Drinks – oder, um sich auf Du-und-Du mit einer frischen Szene unweit der Innenstadt zu sozialisieren; beim Bonvivant liegt ein spannendes Viertel vor Anker. 

Danke, Serkan, für den schönen Bummel. Bis zum nächsten Mal, Johan!

Dieser Beitrag ist in Kooperation mit planet radio entstanden.

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Felix

Bonvivant.

Mehr als irgendeine Stadt lässt Frankfurt Felix' Herz höher schlagen. Sein Enthusiasmus für Bob Dylan provoziert mitunter offene Besorgnis. Einem achtbaren Lebenswandel steht obendrein noch seine Cinephilie im Wege. Aber kochen kann er.

Dem Chaos ist er näher als der Ordnung. Sofern das nicht eh ein und dasselbe ist. Genau wie Schreiben und Denken. Erwischt sich immer wieder bei Selbstgesprächen. Mit anderen unterhält er sich aber auch gerne.