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Kunterbunte Kuriositäten, Teil 3:
Das Haus aus tausendundeiner Nacht

Was wären wir nur ohne unseren Spürfuchs Matze? Vermutlich ein wenig ratloser. Den ersten beiden Teilen unser Serie ist es ihm dank investigativer Höchstleistungen bei Wind und Wetter gelungen, sowohl das Rätsel um die mysteriösen Töpfe am Rossmarkt als auch das der bunten Kugeln an der Deutschherrnbrücke zu lösen.

Nun ist unser urbaner Detektiv beim Joggen zwar wenigstens nicht über eine hinterhältige Wurzel gestolpert – wohl aber über ein bemerkenswert hübsches Häuschen am Anlagenring, das ein kleines Geheimnis in sich trägt…

Man muss nicht besonders lang in Frankfurt leben, um ein Gespür für die hiesige Architektur zu entwickeln. Da gibt es die stolzen Gründerzeitbauten im Nordend und im Bahnhofsviertel, das putzige Fachwerk von Höchst und Seckbach und recht zweckmäßige Reihenhäuser in Sindlingen und Nied. Wolkenkratzer im Bankenviertel, schmucke Villen im Westend und in Sachsenhausen. Da gibt es Ernst May’s markante Siedlungsblöcke aus den zwanziger Jahren, die auch heute noch die Römerstadt und den Bornheimer Hang zieren. Und ihre jüngeren Schwestern bieten in Form von Wohnhochhäusern in Frankfurter Berg oder Sossenheim auch denjenigen ein Zuhause, die nicht zufällig als Unternehmensberater oder Investmentbanker arbeiten. Nicht zu vergessen natürlich all die Bausünden der Nachkriegszeit, die allen Bemühungen zum Trotz noch immer zu Frankfurt gehören wie Apfelwein und Handkäs’.

Sterne, Türmchen, Marmorkacheln: Ein Märchenhaus in Frankfurt

Jedenfalls, nachdem er sich auch mit IG Farben-Haus, Kleinmarkthalle und den Warttürmen der alten Stadtbefestigung vertraut gemacht hatte, war sich unser Autor sicher, die das Frankfurter Stadtbild prägende Architektur endgültig verinnerlicht zu haben. Bis zu jenem Tage jedenfalls, an dem sich zum ersten Mal ein mehrgeschossiges Haus in seinen Blickwinkel schob. Er bahnte sich gerade trabender Weise seinen Weg vom Nordend aus in Richtung der alten Oper, bis er nicht umhin kam, innezuhalten: Was war denn bitte das?!

Kein Haus wie jedes andere, so viel war klar. Sternförmig eingefasste Fenster, gekachelte Fassaden und an kleine Minarette erinnernde Türmchen zogen unseren Detektiv in seinen Bann. Nein, an diesem eigenartig exotisch wirkenden Bauwerk würde unser Sportfreund nicht einfach vorbeilaufen können. Die Fitness wurde egal, es war an der Zeit für eine nähere Inspektion dieses sonderbaren Hauses, welches sich so gar nicht in seine glattverputzte Nachbarschaft der Eschenheimer Anlage einfügen wollte.

Ist es eine Fata Morgana?

Auf der Hut, so als täte er etwas verbotenes, schlich unser Detektiv um das Grundstück und staunte: Ein von Ornamenten eingefasster Balkon, groß genug, um einen König hinab zum Volke sprechen zu lassen. Verzierte Säulen, als handele es sich hier nicht um ein Haus inmitten der Frankfurter Innenstadt, sondern um einen Palast irgendwo im fernen Orient. Schade nur, das ein Blick hinter die Gardinen nicht möglich und somit eine rasche Aufklärung des Sachverhalts nicht möglich war.


Stand unser Autor vor der Residenz eines Fürsten aus dem Morgenland? Vor der ständigen Vertretung einer längst untergegangenen Dynastie, vor einem Märchenschloss – oder gar vor einer Fata Morgana? Spielte ihm die Sommerhitze einen schlechten Streich? Ein Blick aufs Klingelschild erschien als geeignete Maßnahme, um für diesbezügliche Aufklärung zu sorgen.

Die Familiennamen auf den Klingelschildern erinnerten deutlich mehr an den bundesdeutschen Mittelstand, an Postwurfsendungen und frisch gewaschene SUV’s denn an den Mythos einer Königsfamilie. Wie immer, wenn er nicht weiter weiß, zückte er sein Mobiltelefon und öffnete eine gern genutzte Suchmaschine. Sein Standort – die Adresse der Blumenstraße – sollte Anhaltspunkt für die weitere Recherche sein.

Volltreffer: Gleich das erste Suchergebnis führte auf die Homepage der Stadt Frankfurt, genauer: Zu einem Artikel über ein “Maurische Haus” als Sehenswürdigkeit. Ferner, so ließ sich in Erfahrung bringen, wurde das obskure Haus bereits im Jahr 1856 im Auftrag eines wohlhabenden Frankfurters von einem Maurermeister mit dem wohlklingenden Namen “J.F. Weinsprenger” errichtet (was wiederum die Frage aufwirft, weshalb Matze erst jetzt Notiz von diesem Sonderling genommen hatte).

“Maurisch?!” – Ein kleiner Exkurs

“Maurisch”? Ein böhmisches Dorf für unseren Detektiv. Abermals half ihm eine etablierte Suchmaschine dabei, diesbezügliche Wissenslücken zu stopfen. Unter dem maurischen Baustil, so förderte die Recherche zu Tage, wurden ursprünglich die architektonischen Kunstäußerungen der Araber zwischen dem 8. und dem 18. Jahrhundert verstanden. Typisch für in diesem Stil errichtete Bauten seien schlanke Säulen, Hufeisenbögen, aufwendige Rahmungen von Fenstern und Türen, Kachelmosaike und Stuckdekore. Fein anzusehen, weswegen Baumeister in aller Welt im 19. und 20. Jahrhundert die prächtigen Bauten ins Abendland importierten. Diese ihrem historischen Vorbild huldigenden Gebäude werden heute dem – aufgepasst! – Neomaurischen Stil zugeordnet. So wie auch das (nun nicht mehr ganz so ominöse) Wohnhaus in der Frankfurter Blumenstraße.

Eine bittersüße Legende

Weswegen nun vor über 150 Jahren ausgerechnet am Frankfurter Anlagenring eine Hommage an den Orient errichtet wurde, ließ sich auch mit Hilfe des Historischen Museums nicht genau klären. Allerdings stolpert man im Internet immer wieder über eine Legende, die zwar zu rührend klingt, um wahr zu sein, an die man dennoch gerne glauben möchte:

Sie besagt, dass sich einst ein reicher Frankfurter Geschäftsmann während einer Reise zu den Pyramiden in eine ägyptische Schönheit verliebt und diese vom Nil mit an den Main genommen habe. Um ihr Heimweh zu lindern, ließ er für sie das Maurische Haus errichten. Blöderweise trieb ihn dieses Unterfangen in den finanziellen Ruin, sodass er sich schlussendlich aus Verzweiflung das Leben nahm. Seine Schönheit kehrte daraufhin zurück nach Afrika und ward in Frankfurt nie wieder gesehen. Deswegen liegt über der Geschichte des Hauses bis heute ein geheimnisvoller Schleier. Scheiß Romantik.

Unserem Spürfuchs soll es recht sein. Die schönsten Geschichten sind doch ohnehin meist diejenigen, deren Nebel man niemals auf ewig lichten kann. Wir hoffen, unser kleiner Ausflug in die Architektur-Geschichte hat auch euch ein wenig schlauer gemacht! Wenn ihr das nächste Mal in den Innenstadt unterwegs seid, solltet ihr unbedingt einmal selbst einen Blick auf die Sterne und Ornamente auf der Fassade des Unikats werfen – und einen zurück zu einem Frankfurter Geschäftsmann, der vor langer Zeit eine Reise zu den Pyramiden antrat.

Haltet die Augen auf!

Wieder einmal ward ein Rätsel gelöst. Jetzt seid ihr dran. Habt auch ihr skurrile, merkwürdige Dinge während eurer Streifzüge durch Frankfurt entdeckt? Große und kleine Rätsel, die eure Neugierde entfacht haben? Zögert nicht, uns von euren Entdeckungen zu berichten – unser erster Detektiv freut sich schon auf neue Aufträge!

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Matze

Zugezogen, doch fühlt sich im Herzen längst als Frankfurter. Wenn er nicht gerade zu viel Geld für Bücher, Schallplatten und Kleinbildfilme ausgibt, vertrödelt er mit Vorliebe ganze Nachmittage im Café. Dort trinkt er zu viel Kaffee und raucht zu viele Zigaretten - meint zumindest sein Arzt. Großer Verfechter des Apfelweins (sauer!), betreibt gern Multitasking, kaut ununterbrochen Kaugummi. Liebt Prinzipien und mag es strukturiert:
Selbst für seine To-Do-Listen schreibt er To-Do-Listen.