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Der neue #stayhome-Alltag

Zunächst scheint alles wie immer: Ich ziehe mit dem Kinderwagen durch Bockenheim und genieße den aufkeimenden Frühling. Häuser und Spielplätze sind an ihrem gewohnten Platz, aber trotzdem ist es eine seltsame Stimmung da draußen: die Straßen leer, die Läden geschlossen, vereinzelt Hamsterkäufer mit Toilettenpapier unter den Armen. Wo sie herkommen, wird klar, wenn man zu Apotheken, Drogerien und Supermärkten schaut – denn hier bilden sich schon früh am Morgen lange Schlangen. Ansonsten gehen die Menschen verlegen große Bögen umeinander.

Eine Frage scheint permanent über allen zu schweben: Darf ich das jetzt? Auch ich frage mich, ob es okay ist – mit oder ohne Baby – ganz langsam und in Ruhe mit bloßen Händen einkaufen zu gehen, anstatt – mit Einweghandschuhen bewaffnet – in Windeseile den Einkaufswagen bis oben hin zu beladen und bloß schnell den Laden zu verlassen. Ob ich während meines Spaziergangs kurz stehenbleiben und mit einer Freundin quatschen darf (natürlich über die Beschissenheit der Dinge), die mir zufällig begegnet. Und anstatt wie in den letzten Wochen darüber nachzudenken, welchen Brei ich demnächst vorkoche, sorge ich mich um Familienmitglieder, befreundete Existenzgründer, um Leute, die gerade Kinder kriegen oder heiraten wollten und um die Welt im Ganzen. Manchmal führt das soweit, dass ich mich mies fühle, mein Kind in eine schlechte Welt geboren zu haben. Aber dann meldet sich eine innere Stimme mit einem lauten „Stopp“ und bringt mich dazu, diese negativen Gedanken umzuwandeln. In Chancen.

Social Media ist doch nicht ganz so sozial, wie gemeinsam in einem Café zu sitzen.

Ja, wir – also alle Menschen – stecken in einer echten Krise und das Leben, wie es bisher war, wird in Zukunft so nicht mehr sein. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass ab jetzt alles schlechter wird. Es bedeutet, dass es anders wird. Und deshalb ist es auch interessant, die derzeitigen Entwicklungen zu beobachten: Vor unseren Mülltonnen beispielsweise stapelt sich die Pappe – der online-Handel nimmt drastisch zu #supportyourlocal. Wir merken vielleicht, dass Social Media doch nicht ganz so sozial ist, wie gemeinsam in einem Café zu sitzen.

Gleichermaßen lernen wir eine neue Solidarität kennen – es entstehen Nachbarschaftshilfen, jung geht für alt Wege erledigen. Und ja, wir lernen auch, wie viele Egoisten es in unserer Gesellschaft gibt und wie abhängig wir, trotz individuellem Wohlstand, von unserer Regierung sind. Plötzlich schreiben wir ein Kapitel für das Geschichtslehrbuch der Zukunft. Und unsere Kinder und deren Kinder werden es eines Tages als Unterrichtsstoff gelehrt bekommen und uns – Zeitzeugen – eventuell fragen: „Wie hat sich das angefühlt?“ Die Antwort wird von Haushalt zu Haushalt verschieden ausfallen. Denn jeder von uns erlebt die Situation anders, spürt die Auswirkungen der Krise als Angestellter, Unternehmer, Urlauber, Mutter, Kind oder Großmutter. Schon nach wenigen Telefonaten mit Freunden und Familie merke ich, wie unterschiedlich die Empfindungen sind.

Sollte ich nach der Krise einmal gefragt werden, wie sich das angefühlt hat, werde ich ebenfalls meine eigene Interpretation liefern, aber eines möchte ich dabei unbedingt vermeiden: Meine Sicht der Dinge soll nicht ausschließlich negativ ausfallen und ich möchte nicht nur ein Beobachter dieser Krise gewesen sein.

Nachfolgend habe ich einige Punkte gelistet, die mich positiv stimmen und mich vor allem davor bewahren, das Ende der Krise passiv auf dem Sofa abzuwarten. Vielleicht inspiriert Euch diese Liste. Vielleicht mögt Ihr auch Eure eigene erstellen.


#1 Die Stadt ist leise

„Everyday is like Sunday“ sang Morrissey im Jahr 1988 und der Song schwirrt so oft durch meinen Kopf, wenn ich momentan durch die Straßen laufe. Die Stadt ist leer, leise und das ein oder andere Fleckchen Natur hat vielleicht sogar endlich Zeit, sich zu erholen. Irgendwie beruhigt die Ruhe das Gemüt und ohne Ablenkung durch die bunte Palette an Geschäften hat man tatsächlich einmal Gelegenheit, den Frühling zu bewundern.

#2 Die Wohnung hat viele Ecken

Wir verbringen selten so viel Zeit zuhause, wie momentan. Plötzlich fällt sogar die Staubschicht am Schuhschrank ins Auge, ganz zu schweigen von den verwelkten Blumen, die nicht nur Wasser, sondern endlich mal neue Erde gebrauchen könnten. Ran an den Speck!

#3 Zeit, sich selbst zu reflektieren

Ganz ehrlich, wann nimmt man sich schon die Zeit, über sich und sein Handeln nachzudenken? Gerade jetzt, wo das eigene Verhalten Leben retten kann, ist doch ein guter Zeitpunkt, um mal wieder ein bisschen an seiner Persönlichkeit zu arbeiten. Einstellungen überdenken, Herangehensweisen überarbeiten und vielleicht sogar Zukunftspläne schmieden – Feuer frei!

#4 stationärer Handel vs. online – neue Geschäftsideen entwickeln

Wer als Unternehmer bis jetzt noch keinen Online Shop hatte, steht ganz schön doof da. Vielleicht ist nun der richtige Moment, um mit der Zeit zu gehen und einen Online Shop zu launchen. Wie kreativ Geschäfte und Dienstleister sind, haben die letzten Tage gezeigt: vom DJ-Video-Livestream, der die Party nach Hause bringt bis zur Yoga-Session im eigenen Wohnzimmer lässt sich das #reallife zeitweise auch mal ganz gut zuhause abspielen.

#5 Social Media neu denken

Hier ein Foto auf Instagram, da ein Beitrag auf Facebook und noch schnell eine Voice per WhatsApp. Bisher war das alles ziemlich optional für uns. Doch momentan bekommt Social Media eine völlig neue Bedeutung. Wir sind in Zeiten der #socialdistance mehr denn je darauf angewiesen. Vielleicht ein guter Zeitpunkt, um Oma einen Messenger einzurichten oder einen Videochat oder aber, um sein Social Media Verhalten generell einmal zu überdenken und sich darauf vorzubereiten, wieder mehr im Hier und Jetzt unterwegs zu sein, wenn das öffentliche Leben zurückkehrt.

#6 Mal wieder in den Wald gehen

Hand aufs Herz: Wie lange ist Euer letzter ausgedehnter Waldspaziergang her? Spaziergänge an der frischen Luft sind noch erlaubt, der Taunus schnell erreichbar und das Wetter spielt derzeit auch mit. Also nichts wie raus aus den vier Wänden und frische Luft schnuppern!

#7 Briefe schreiben, oder zumindest einen

Meine erste Amtshandlung, als verkündet wurde, dass das öffentliche Leben eingestellt werden soll: die Briefpapiersammlung aus dem Schrank holen. Seitdem schreibe ich mir die Finger wund und stelle immer wieder fest, dass Briefe echt lang werden, will man all das erzählen, was man sonst per Voice oder Chat mit anderen Menschen teilt. Gleichzeitig hilft es aber auch, seine Mitteilungen aufs Wesentliche zu reduzieren und noch dazu freuen sich Freunde und Familienmitglieder, wenn sich ihr täglicher Gang zum Briefkasten lohnt und Omi ist nicht aufs Telefonieren angewiesen – da hört sie doch eh nicht so gut. Probiert’s aus!

#8 sich endlich mal wieder Langweilen

Langeweile braucht es, um kreativ zu sein! Leider haben wir davon viel zu wenig, denn, wenn es doch einmal dazu kommt, hängen wir in diversen Social Media Kanälen ab. Vielleicht schafft Ihr Euch in Eurem Zuhause eine Social-Media-freie Zone, in der Ihr es Euch bequem machen könnt, um Euch mal so richtig zu langweilen. Bei dem einen oder anderen kommen sicher gute Ideen dabei heraus.

#9 Slow-down!

Na, ein Gedanke zieht sich durch meine Liste: Das Unterwegs sein führt zu ständiger Unruhe. Nun ist die beste Gelegenheit, um endlich mal zur Ruhe zu kommen. Und damit meine ich nicht nur diejenigen, die ohne Kleinkinder zuhause sitzen. Auch mit Kindern kann man gut zur Ruhe kommen, ihnen aufmerksamer denn je zuhören, sich mit ihnen und ihren Themen tatsächlich auseinandersetzen oder vielleicht einen ganz neuen Alltag einkehren lassen. Schreibt Eure Erfahrungen auf, um Euch daran zu erinnern, wenn es wieder unruhig wird!

#10 Endlich mal „Hallo“ sagen

Da wohnt man seit Jahren mit vielen anderen Familien unter einem Dach und begegnet manchen Familienmitgliedern in diesen Tagen zum ersten Mal im Hausflur. Wahnsinn! Jetzt ist nicht nur eine gute Zeit, um mit seinen Nachbarn per Zettelbotschaft in Kontakt zu treten, sondern auch, um so manch einem seine Hilfe anzubieten.

Ich hoffe, meine #stayhome Liste inspiriert Euch. Macht was daraus, aber bleibt in erster Linie gesund!

PS: Diesen Artikel habe ich zum ersten Mal seit langem wieder auf dem Papier vorgeschrieben.

Weitere Tipps für diese Zeit findet Ihr hier.

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Maria

Kam ursprünglich zum Arbeiten nach Frankfurt und ist inzwischen so sehr angekommen, dass sie hier geheiratet hat und sich als Mama eines Frankfurter Mädsche bezeichnen darf.
Liebt Wein, dunkles Bier, Musik, gepflegte Füße und philosophische Bücher über
alternative Lebenskonzepte.
Hegt eine Vorliebe für gute Kaffeesorten, die sie sich in Genussmaßen zuführt.
Schätzt an Frankfurt, dass Südfrankreich und der Rest der Welt schnell erreichbar sind und hofft schon lange auf eine autofreie Innenstadt – denn am liebsten bewegt sie sich per Fahrrad durch die vielen lebens- und liebenswerten Stadtteile.