„Räume erdenken, die wirklich werden“:
Ein Kochabend mit Studio Aberja

Über ein neues, ungewöhnliches Hotelkonzept wie das Lindley Lindenberg sprechen – und zwar mit den Architekten: sehr spannend! Noch besser kann nur sein, das bei einem gemeinsamen Kochabend zu tun!

Was ist das: Es ist kein Hotel, aber man kann dort wohnen. Es ist keine Galerie, aber es gibt dort Kunst. Man kann selbst kochen oder etwas zu essen ordern. Hört sich an, wie zuhause – oder?

Gemeint ist aber etwas anderes: Das neue Lindley, das dritte Haus der Lindenberg-Gruppe, hat 2019 im Frankfurter Ostend eröffnet. Nach dem kleinen Stammhaus, ebenfalls im Ostend, mit zehn und dem ersten Ableger, der Libertine in Alt-Sachsenhausen mit 30 Zimmern, prüfen die Lindenbergs ihr Konzept nun auf seine Erweiterbarkeit. In 100 Zimmern, verteilt auf sieben Stockwerke, kann man hier wohnen – oder eher „sein“. Denn, wie die Geschäftsführer in verschiedenen Quellen zitiert werden, ist man weder klassisches Hotel noch Wohngemeinschaft, sondern beides zugleich.

Exzentrisch, integer, warm

Schon draußen ein Hingucker: Wie ein Monolith ragt das Gebäude nach oben, das von vorn den Anschein macht, ein Querschnitt zu sein. Die Fassade kleiden tausende Gusseisen-Platten, dutzende Kilo schwere Dreieckselemente, die den Gebäudeumriss rahmen.

Hier treffen wir Juliane und Robin. Ein gemeinsamer Kochabend steht auf dem Programm. Kurz zuvor war die Idee entstanden, die beiden in einem Blogbeitrag zu featuren. Total gerne, war die Antwort, aber ein Interview? Das sei immer so ein erzwungener Rahmen. Wie wär’s, wenn wir uns zum Kochen verabreden? Natürlich im neuen Lindley. Gesagt – getan. Uns gefiel der Vorschlag natürlich ganz hervorragend – aus mehr als offensichtlichen Gründen…

Wir sind im vierten Stock, hier befindet sich eine der zwei Gemeinschaftsküchen. Die andere „Rooftop“-Küche bietet in der sechsten Etage direkten Zugang zur Dachterrasse. 

Dass die Lindenbergs ihrerseits sehr gekonnt die Kreuzung von Hospitality und Storytelling bespielen, kam den beiden Architekten zupass. Auch jenseits der aufstrebenden Boutique-Hotel-Sparte, verstehen mehr und mehr Hotelmacher, dass die Gäste nicht länger Zimmer „von der Stange“ wollen. Ob geschäftlich oder privat: Reisende wollen bei ihrem Aufenthalt auch in ihren gebuchten Unterkünften „ein Erleben“ haben. Nicht nur beim Erkunden in der Stadt, auch im Hotel möchte man was zum Fotografieren finden.

Aber der Reihe nach.

Robin, warum der gusseiserne Fassaden-Rahmen? 
Robin: „Mit der Gusseisen-Fassade wird die Besonderheit der Gemeinschaftsbereiche des Hotels auch auf der Fassade gezeigt. Das Material hat dabei einen direkten Bezug zum Frankfurter Osthafen und der Lindleystraße“.

Später erfahren wir, dass die Straße nach dem britischen Ingenieur William Lindley benannt ist. Der gebürtige Londoner war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Planung und Erbauung der Frankfurter (Ab-)Wasserversorgung beauftragt. Seine gute Arbeit hatte zur Folge, dass die durch die Infektionskrankheit Typhus herbeigeführten Todesfälle in Frankfurt drastisch sanken. Dank Lindleys Kanalisation – vielleicht daher die Kanaldeckel-Optik? Juliane und Robin lächeln nur – wieder was gelernt.

Das Erdenken von Räumen

Ganz ähnlich gehen Robin und Juliane viele Projekte und deren kleineren Facetten an. „Unsere Arbeit kann unheimlich erfüllend sein, wenn sie uns erlaubt, Räume zu erdenken die dann wirklich werden“, schildert Juliane. Ob eine Fassade oder eine Gemeinschaftsküche designt werden soll: noch bevor man den ersten Strich auf einem weißen Blatt Papier zieht, überlegt man. Was wollen wir hier eigentlich machen? Wie kriegen wir eine Synergie hin – von Form und Inhalt; von Design, den Anforderungen des Raums und den Bedürfnissen jener Menschen, die sie letztlich nutzen?

Schauen wir uns um in der Küche: Kochfelder sind in den zwei Kochinseln eingelassen in hellem Anröchter Stein. Gegessen wird direkt dort, neben den Herden. Viel Mobiliar steht auf Walnussboden. Über den Kücheninseln hängen Pfannen und Töpfe aus Kupfer.

Robin: „All diese Materialien leben. Auf den Arbeitsflächen werden mit der Zeit Abdrücke von Weingläsern und Kaffeetassen zurückbleiben. Walnussholz hat Astlöcher. Kupfer läuft an, entwickelt Patina.“

Und das ist gut so. Dinge altern. Ganz normal – und sogar schön. Der Effekt dieser Entscheidung: Die Menschen, für die die Küche ja von vornherein gemacht wurde, kochen lieber in einer Umgebung, in der man nicht darum bangen muss, etwas schmutzig oder kaputt zu machen. Wer nutzt eine Gemeinschaftsküche, die ausschaut wie ein Museumsstück? Man soll letztlich gerne Gebrauch von der Einrichtung machen.

So wie wir an dem Abend. Das Risotto ist fertig, ebenso der Salat und die gefüllten Portobello-Pilze, das Soufflé steht im Ofen und tut, was es soll: aufgehen wie eine Schoko-Wolke. Wir richten das Abendessen auf unseren Tellern an, schenken noch mal Wein nach, plaudern und lachen, und schenken noch mal Wein nach.

Juliane, fällt Dir eine Szene ein, die Du als „typisch Frankfurt“ empfindest?
Juliane: Ich bin mit den Kindern im Nordend auf dem Spielplatz und höre um mich herum zig verschiedene Sprachen. Und das ist völlig selbstverständlich. Das liebe ich sehr.

Drei Menschen, Hotelgäste, kommen in die Gemeinschaftsküche, sehen uns plaudern und lachen. Vielleicht wollten sie sich nur einen Tee kochen. Jedenfalls kommen wir ins Gespräch, unterhalten uns kurz auf Englisch. Als sie die Küche wieder in Richtung Hotelzimmer verlassen, haben alle einen Teller mit den übriggebliebenen Schoko-Soufflés in der Hand – und ein Lächeln im Gesicht.


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Felix

Bonvivant.

Mehr als irgendeine Stadt lässt Frankfurt Felix' Herz höher schlagen. Sein Enthusiasmus für Bob Dylan provoziert mitunter offene Besorgnis. Einem achtbaren Lebenswandel steht obendrein noch seine Cinephilie im Wege. Aber kochen kann er.

Dem Chaos ist er näher als der Ordnung. Sofern das nicht eh ein und dasselbe ist. Genau wie Schreiben und Denken. Erwischt sich immer wieder bei Selbstgesprächen. Mit anderen unterhält er sich aber auch gerne.